Soziale Arbeit – Gerechtigkeitsprofession oder Überbau?

Erweiterte Version des Beitrags zur Veranstaltung „Professionalitäten in sozialen Beruflichkeiten: Pflege, Medizin, Therapie, Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung“ der Sektion Professionssoziologie, 42. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Duisburg 22. – 26. September 2025

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Den unmittelbareren Anlaß für die Beschäftigung mit dem Thema „Soziale Arbeit als Gerechtigkeitsprofession“ bildet eine unmittelbare Unzufriedenheit mit der deklarativen Zuschreibung eines politischen Auftrags an die Profession, den die Sozialarbeiter*innen im Feld kaum zu erfüllen imstande sein werden. Deklariert werden sollte aber gleich zu Beginn ein dahinterstehendes weitergehendes Interesse: die Erprobung der Reichweite eines reformulierten Marxschen Basis-Überbau-Theorems am Feld der Sozialen Arbeit.[2] Willkürlich ist die Auswahl des Testfeldes allerdings nicht, da die gegenwärtigen Positionierungen der Sozialen Arbeit ohne den kritischen Anstoß durch und die kritische Überwindung von neomarxistischer Sozialarbeitskritik[3] kaum denkbar wäre.[4]  Die Erklärung der Sozialen Arbeit zur „Gerechtigkeitsprofession“ kann als theoretischer Vermittlungsversuch der etablierten Sozialarbeitswissenschaft[5] interpretiert werden zwischen der in den 1970ern virulenten marxistischen Fundamentalkritik einerseits und den zeitgleich aufkommenden Aspirationen zu einer von „bürgerlicher“ Soziologie vorgegebenen idealtypischen Professionalität, welche primär auf die Autonomie ihrer Adressat*innen hinarbeitet.[6] Wenn der Gerechtigkeitsanspruch sich kritisch und sogar politisch gibt, aber als professionspolitisch eingegrenzter dann doch sich mit einer fast schon fatalistisch hingenommenen Differenzierung[7]  abfindet und der emanzipatorische Anspruch sich in der Konsequenz auf philosophisch überhöhte Minimalpositionen zurückzieht, ist es dennoch angebracht, das kritische Potential einer marxistisch informierten Perspektive nochmals zu erproben. Dieser Versuch soll hier nun unternommen werden, indem eine zumindest „paramarxistische“[8] Rekonstruktion des Basis-Überbau Theorems zum Verständnis der sozialpädagogischen Sehnsucht nach Gerechtigkeit in Anwendung gebracht wird.

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Studierende der Sozialen Arbeit lernen, sich engagiert und selbstkritisch im Dilemma von „Hilfe und Kontrolle“[9] auseinanderzusetzen. Seit einiger Zeit wird ihnen von akademischer Seite dann noch der Titel einer „Gerechtigkeitsprofession“ zugemutet – ein Anspruch, der auch ins Selbstbild des Berufsverbands eingegangen ist. Eine „Zumutung,“ weil sich aus der Erwartung, „für Gerechtigkeit zu sorgen“ angesichts der fehlenden Möglichkeit der Umverteilung, sozialpolitischem Gegenwind und eines notorischen Personalmangels ein Bewertungsmaßstab fürs professionelle Handeln gesetzt wird, dem kaum entsprochen werden kann.[10] Ignoriert wird dabei auch, daß die Position der Sozialarbeitenden nicht mit formaler Autorität oder beruflichen Prestige ausgestattet ist, welches erlauben würde, auf berufsethischer Grundlage  Ansprüche geltend zu machen, die nicht schon explizit in den Sozialgesetzbüchern garantiert sind.[11]

Im beruflichen Alltag sind sozialpolitische Themen, sind Ungleichheit und Ungerechtigkeit zwar fast durchgehend als Hintergrundrauschen präsent, haben aber so gut wie keine unmittelbar praktische Relevanz – den Klient*innen wäre wenig damit gedient, wenn sie auf die Notwendigkeit umfassender Sozialreform oder gar einer Umwälzung der Produktionsverhältnisse verwiesen würden. Professionelle Interventionen rechtfertigende Notlagen[12] lassen aufgrund ihrer Dringlichkeit sowieso wenig Zeit auf seiten der Sozialarbeitenden und wenig Interesse auf seiten der Klient*innen, sich mit den großen Fragen sozialer Gerechtigkeit auseinanderzusetzen.[13] Auch die Legitimität einer Thematisierung gesamtgesellschaftlicher Handlungsbedarfe in der professionellen Beziehung kann hinterfragt werden.[14]

Wie ist dann aber die Hartnäckigkeit zu erklären, mit der sich der Diskurs um eine „Gerechtigkeitsprofession“ hält? Es könnte an der theoretisch-philosophischen Überzeugungskraft des Konstrukts selbst liegen. Hier wird sich jedoch zeigen, daß es sich letztlich um nicht mehr als eine Hypostase von oft in alltäglich professioneller Praxis schwer zu erarbeitender funktionaler Ziele handelt, für die „Gerechtigkeit“ aller intuitiv-lebensweltlichen Bedeutung entkleidet wird.

Es wird daher vorgeschlagen, einen Zugang über eben jene Funktionalität, an die sich der Begriff der „Gerechtigkeitsprofession“ koppelt, zu suchen. Hierzu wird der zunächst kontraintuitive Versuch einer Wiederbelebung der, in Steven Lukes‘ Worten, „leblosen, statischen, architektonischen Metapher“[15] von Basis und Überbau unternommen. Im Versuch, die Rolle Sozialer Arbeit als Akteurin in der „Reproduktion der sozialen Reproduktionsverhältnisse“ zu fassen, ist die Kritik an der neomarxistischen Sozialarbeitskritik zu berücksichtigen. Zudem wird versucht, die Schwächen einer auf den Marxschen Produktionsbegriff (statt auf seinen weiter gefaßten Arbeitsbegriff)[16] rekurrierenden marxistischen Handlungstheorie[17] durch Adaption von (durchaus kompatiblen) Begrifflichkeiten aus der phänomenologischen Soziologie des Alltagshandelns zu umgehen.

Der erhoffte Ertrag ist eine nicht strukturfunktionalistische, aber dennoch funktionale Fassung der Sozialen Arbeit. Von der professions-praktischen Verpflichtung auf Funktion soll ein Blick auf das Gerechtigkeitsproblem möglich werden, der das Interesse an Gerechtigkeit nicht aus philosophischen Traditionen herausdestilliert, sondern aus der erlebten Gleichzeitigkeit von Notwendigkeit und Unmöglichkeit Sozialer Arbeit.

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Die Rede von der „Gerechtigkeitsprofession“ erscheint als elegante Lösung des Zielkonflikts von individualisierter professioneller Hilfe und kollektivierender institutioneller Kontrolle, denn über das Ziel der Gerechtigkeit wird das Handeln des Gemeinwesens selbst in den Bearbeitungsbereich der Sozialen Arbeit genommen.  Das läßt zu, den Kontrollauftrag so zu verstehen, daß die öffentliche Ordnung gefährdende Probleme der Klient*innen vor allem über die Kontrolle der sozialen Verhältnisse selbst (und weniger der Disziplinierung der Schutzbefohlenen) zu bearbeiten seien. Die Hoffnung ruht hier einerseits auf Organisationen wie den Wohlfahrtsverbänden, welche die Interessen der Profession und die ihrer Adressat*innen bündeln könnten,[18] aber in Kombination mit entsprechender sozialpolitischer Rückendeckung und Regulierung könnte auch Effekt der koordinierten kollektiven Anstrengung der auf einen Gerechtigkeitsauftrag eingeschworenen Mitglieder der Profession im jeweiligen Handlungsfeld erwartet werden.  

Daß es jedoch schon auf Verbandsebene äußerst schwierig ist, hier viel zu bewegen, ist daraus ersichtlich, wie entsprechende sozialpolitische Forderungen aus der Freien Wohlfahrtspflege mit Regelmäßigkeit ignoriert werden. Hinzu kommt, daß angesichts der interessenpolitischen und weltanschaulichen Aufstellung der Verbände eine unverfälschte Priorisierung der Interessen der Adressat*innen Sozialer Arbeit nicht einfach selbstverständlich angenommen werden kann. Aber selbst wenn es gelänge, die Verbände tatsächlich zum „Lautsprecher“ der Betroffenen zu machen, wie Eva Welskop-Deffaa fordert,[19] wird der Hebel zur Durchsetzung einer Umverteilung gesellschaftlicher Ressourcen fehlen (im Unterschied bspw. von Arbeitnehmenden mit Streikrecht, wirtschaftlichen Akteuren mit erheblichen finanziellen Mitteln für die Lobbyarbeit etc.).  Die Veränderungschancen auf kollektiviert-individueller Ebene scheinen konkreter – aber die Wirkungsmacht der je einzelnen Sozialarbeiter*innen ist begrenzt durch die jeweils im Rahmen der zur Anwendung kommenden Sozialgesetzbücher zur Verfügung stehenden (kargen) Ressourcen. Die Koordinierung ist zudem auch strukturlogisch erschwert: Man könnte sich zwar eine dichtere Regelung durch Gesetze und/oder professionsethische Vorgaben vorstellen – dies kollidiert aber mit dem Professionalitätsanspruch und der darin liegenden Insistenz auf die jeweils konkrete Fallbezogenheit des beruflichen Handelns.[20] Gerade eine an von der empirischen Gerechtigkeitsforschung als in breiteren gesellschaftlichen Diskursen als relevant für die Legitimierung von Gleichheit und Ungleichheit identifizierten Maßstäben und Kriterien wie Leistung und Bedarf[21] orientierte Handlungswirksamkeit Sozialer Arbeit erscheint daher unwahrscheinlich.

Auch hinsichtlich der weltanschaulichen Aufstellung großer Teile der sozialpolitischen und verbandlichen Akteur*innen stellt sich die Frage, wieweit von einer von Sozialpolitik und Verbandsstrukturen abhängigen Profession überhaupt symbolische Ressourcen mobilisiert werden können, gegen Strukturen der Ungleichheit, die allenfalls politischer Intervention zur Verfügung stünden, anzugehen. Der sozialkatholische Konsens aus der Gründungsphase der Bundesrepublik, welcher die Selbstverpflichtung auf soziale Absicherung durch aristotelische Vorstellungen einer erhaltenswürdigen Proportionalität und Zurückweisung egalitärer Umverteilung eingrenzt, hält sich hartnäckig.[22] Der Anspruch auf Gerechtigkeitsprofessionalität tastet diesen schon allein wegen geteilter philosophischer Bezüge nicht an. Zudem gerät vor diesem Hintergrund und angesichts der weiter schwindenden Gegenmacht aus alten und neuen sozialen Bewegungen christliche Sozialethik kaum ins Fadenkreuz sozialarbeitswissenschaftlicher Kritik, da sie weiterhin als Verbündete gegen die nun seit Jahrzehnten kaum zu bremsende Umorganisation bzw. Abbau des Wohlfahrtsstaats nach neoliberalen Prinzipien gilt.

Statt soziale Strukturen und konservative Ideologie mit Bezug auf Theorien der Verteilungsgerechtigkeit anzugehen setzt die Literatur zur „Gerechtigkeitsprofessionalität“ auf nichtkonfrontative Ansätze, die mit den begrenzten Spielräumen professionellen Handelns harmonisieren.[23] Den Hauptbezugspunkt stellt der „Capabilities Ansatz“ in der Version Martha Nussbaums dar. Schon im ersten Vorschlag formuliert Mark Schrödter den Anspruch folgendermaßen aus:

„Der bloß wohltätig Handelnde ist zufrieden, wenn er einem Menschen Gutes widerfahren lassen konnte. Der Sozialpädagoge aber wird zufrieden sein, wenn er dazu beigetragen hat, dass seinem Klienten das zukommt, was ihm zusteht, wenn er also sein Wohl maximiert hat oder ihm Zugang zu Grundgütern verschafft hat, die ihm bisher vorenthalten waren oder- das hier favorisierte Kriterium – wenn er ihm Möglichkeiten zur Verwirklichung eines Minimums an zentralen Fähigkeiten geben konnte.“[24]

Während in der empirischen Gerechtigkeitsforschung der Capabilities-Ansatz als ein lediglich als ergänzendes Kriterium der Bedarfsgerechtigkeit gesehen wird (welche selbst zwar eines im öffentlichen Diskurs verbreitetsten Prinzipien darstellt, dort aber abgeschlagen hinter der „Leistungsgerechtigkeit“ firmiert),[25] avanciert er hier zum zentralen Zuteilungsprinzip eines verfügbaren Minimums an Ressourcen.

Damit werden zwei von Albert Scherr[26] für stärker an Umverteilung orientierten Ansätze identifizierte Stolpersteine aus dem Weg geräumt. Zum einen wird die demotivierende Entwertung der Sozialen Arbeit als eine helfende Praxis, welche nur an den Symptomen einer unverändert ungerechten Gesellschaftsordnung herumdoktert, vermieden, indem statt bloßer Linderung Gerechtigkeit versprochen wird. Zum anderen muß man sich weiterhin nicht darauf einigen, wie eine erstrebenswerte Alternative zur bestehenden Ordnung aussähe, und wie diese zu erreichen wäre, sondern kann in professioneller Manier auf eigene Faust weiter nach den jeweils individuell angemessenen Lösungen suchen. Diese pragmatischen Vorzüge sind allerdings nur so lange wirksam, wie sie sich weder an einer politischen (oder auch nur professionellen) Wirksamkeit testen lassen müssen – oder auch nur einer theoretischen Hinterfragung ausgesetzt werden.

Wenn sozialarbeitswissenschaftliche Selbstvergewisserung hinsichtlich einer Gerechtigkeitsprofessionalität mehr sein soll als ein akademisches Selbstgespräch, muß der Anspruch über disziplinäre Grenzen hinweg kommunizierbar sein. Es ist so zunächst unersichtlich, warum eine sich als kritisch und gemeinwohlorientiert verstehende angewandte Sozialwissenschaft ausgerechnet einen Gerechtigkeitsbegriff zu eigen machen sollte, der weder bei den Adressierten noch im öffentlichen Diskurs anschlußfähig ist. Politische Philosophie mag sich von Ergebnissen empirischer Gerechtigkeitsforschung unbeeindruckt lassen,[27] – aber wenn es nicht wie dort einfach um das Gute schlechthin (oder eine Annäherung daran) geht, sondern um das übers professionell Wünschenswerte hinaus auch ums praktisch Erreichbare, sollte ein starkes Interesse an einer Kompatibilität oder transzendierenden Auseinandersetzung mit gesellschaftlich verbreiteten Legitimationsmustern bestehen.[28] Doch nicht einmal für die Behauptung, das Streben nach Gerechtigkeit sei das „Proprium“ der Sozialen Arbeit – also das nicht von außen vorgegebene oder erwartete, sondern von den Praktizierenden selbst verfolgte Ziel – gibt es über die schriftstellerische Aktivität der Proponent*innen hinaus einen empirischen Beleg.[29] Ohne einen anschlußfähigen Legitimationsdiskurs bleibt unklar, was einem auf alltagskapitalistischen Praxis des Warentauschs rekurrierenden Diskurs der Leistungsgerechtigkeit[30] zur Legitimation der in Soziale Arbeit investierten Ressourcen entgegengesetzt werden kann, um die in Soziale Arbeit investierten Ressourcen politisch zu vermitteln – gerade auch vor dem Hintergrund, daß selbst viele Leistungsberechtigte ihren Anspruch nicht als legitim wahrnehmen.[31] Der einzig mögliche Anschluß wäre, vom Nussbaumschen Begrifflich des functioning über dessen aristotelischen Ursprung ἔργον[32] zur deutschen Übersetzung Leistung zu kommen – der Capabilities-Ansatz ist leistungssteigernd und damit systemisch attraktiv. Daß dieser Versuch in der betreffenden Literatur nicht unternommen wird, mag daran liegen, daß es sich dabei gerade nicht um ein Gerechtigkeits- sondern um ein funktionalistisches Argument handeln würde. Wo der Capabilities-Ansatz als Grundlage ressourcenorientierten Vorgehens kursiert, wird es allerdings schon zur Legitimation eingesetzt – beispielsweise, wenn Forderungen zum Recht auf Teilhabe am Arbeitsleben mit dem Hinweis plausibilisiert werden, daß dies ja auch gerade angesichts des Fachkräftemangels volkswirtschaftlich sinnvoll sei.[33]

Es ist überdies fraglich, wie das deklarierte Ziel „einer akteursbezogenen gerechtigkeitstheoretisch informierten Politik“ zur „Herstellung von sozialer Gerechtigkeit“ [34] zu erreichen sei, wenn man auf einen Ansatz setzt, der zentrale Ursachen und Auswirkungen von Ungleichheit ausblendet, bzw. diese stillschweigend als legitim akzeptiert. Solches Ausweichen mag vor dem Hintergrund verständlich erscheinen, daß die „Verwirklichung eines Minimums zentraler Fähigkeiten“ das einzige auch nur annähernd erreichbare Gerechtigkeitsziel darstellt. Hier hat man als Profession denn auch tatsächlich etwas „zu verteilen“: Beratung und sozialtherapeutische Dienstleistungen.[35] Tatsächlich sind auch solche Angebote „Güter“, die als öffentlich finanzierte knappe Ressourcen mit Bezug auf die Bestimmungen der Sozialgesetzbücher verteilt werden. Zu allermindest insofern, als diese auch mit den Chancen auf Inanspruchnahme materieller sozialer Leistungen verbunden sind (Zugang zu Sozialleistungen, Wohnung, medizinischen Leistungen), ist nachvollziehbar, daß ein Vorenthalten dieser Unterstützungsmöglichkeiten tatsächlich eine weitere Verschärfung bestehender Ungleichheiten nach sich zöge.[36]  Aber solange diese bestehenden Strukturen der Ungleichheit im Kern nicht angegangen werden können, bleibt auch die Reichweite der „Gerechtigkeit“ durch „Befähigung“ begrenzt. Eine „Ermöglichung von Verwirklichungschancen“ ist in einer kapitalistischen Gesellschaft sehr eng an das alle Potentialität verbindende „Werkzeug“ Geld[37] gebunden, dessen nicht zu behebende Knappheit von den Vertreter*innen der Gerechtigkeitsprofessionalität immer wieder konstatiert wird.

Daß im Rahmen der bevorzugten Gerechtigkeitstheorie eine Veränderung bestehender Ungleichheiten nicht Thema sein kann, wird schon im ersten Entwurf Martha Nussbaums deutlich. Hier räumt sie ein, daß eine im aristotelischen Sinne „gerechte“ Politik der Ermöglichung der Übersetzung von Fähigkeit in ἔργον durchaus den vom Schicksal (durch bessere natürliche und sozialstrukturelle Ausgangsbedingungen) Begünstigten noch stärker nützt als denen, die mit schlechteren Voraussetzungen starten.[38] Wie schon in der „geometrischen Gerechtigkeit“ Aristoteles‘,[39] wird hier eine homothetische Entwicklung[40] anvisiert, welche auf eine intakte Verschiebung der Strukturen der Ungleichheit hinausläuft. Es handelt sich somit um eine dezidiert sozialkonservative „Gerechtigkeit“ deren „suum cuique[41] sich in der Wahrung der Proportionalität der Rangunterschiede manifestiert.[42]  Als Kernannahme des fortlebenden sozialkatholischen Wohlfahrtsregime wird dieser Aspekt weder erwähnt noch hinterfragt.

Angesichts der sich im Ausweichen auf eine konservative Minimalformel manifestierenden politischen Hoffnungslosigkeit, zieht sich der gerechtigkeitsprofessionelle Ansatz zuletzt dann auch auf ein anderes „Proprium“ zurück – und zwar ausgerechnet auf eines, das in der initialen Formulierung bei Mark Schrödter explizit nicht nur für die Soziale Arbeit sondern auch für die Medizin und andere „klassische“ Professionen zurückgewiesen wird: die Wiederherstellung von Autonomie[43] wie sie zuerst und immer noch am stringentesten in der Professionssoziologie Talcott Parsons erscheint. Ihren Eintrag „Gerechtigkeit“ im Handbuch Soziale Arbeit schließen Karin Böllert, Hans-Uwe Otto, Mark Schrödter und Holger Ziegler mit folgendem Satz ab:

„Dabei erlaubt und erfordert es die Capabilities-Perspektive, auf individuelle, fallspezifische Konstellation und soziale Einbettungen der AdressatInnen einzugehen, und nimmt zugleich ein klassisches Motiv Sozialer Arbeit auf: Die Ermöglichung von Autonomie der Lebenspraxis und damit den zentralen Gegenstand sozialpädagogischer Professionalität.“ [44]

Die im Rückbezug auf das ἔργον hergestellte Verbindung zum Funktionieren erweist sich hier als Brücke zwischen dem Capabilities Ansatz und der rituell zurückgewiesenen funktionalistischen Verortung von Professionen in der Kontrolle von Anomie als Störung autonomer Handlungsfähigkeit als Dysfunktionalität.[45] Ironischerweise liegt aber gerade hier eine mögliche Erklärung der Virulenz des Interesses an Gerechtigkeit: in der unausweichlichen Beobachtung der die Handlungsbedarfe Sozialer Arbeit mitbedingender als sozialstrukturell interpretierter Ursachenkomplexe und von „gesellschaftlichen Schieflagen,“ sowie institutionellen Barrieren, welche den Erfolg der professionellen Interventionen immer wieder zu unterminieren scheinen – im Verzweifeln am „System“ ist auch ohne jede Gerechtigkeitstheorie naheliegend, soziale Ungleichheit als unmittelbar relevantes Problem, als Ungerechtigkeit, zu identifizieren.[46]

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In Parsons‘ Professionssoziologie war das Spannungsverhältnis von Hilfe und der Kontrolle, bzw. das „doppelte Mandat“[47] der Beauftragung durch Klient*innen einerseits und „Gesellschaft“ andererseits noch relativ einfach. Zum einen ist hier die die professionelle Intervention begründende Krise eine individuelle Anomie, die immer auch eine kollektive impliziert, da die Teilnahme an gesellschaftlichen Reziprozitäten in Frage gestellt ist (oder ganz entfällt).[48] Das Angebot der Krankenrolle als Möglichkeit zur reziproken Rollenperformanz während des allgemeinen „Reziprozitätsmoratoriums“[49] ist hier schon vor allen anderen Maßnahmen der erste Schritt zurück in gesellschaftliche Gegenseitigkeitsverhältnisse (und auch die gebetsmühlenhaft wiederholte Rede von der Sozialen Hilfe als einer ohne Erwartung von Gegenleistungen erbrachten geht nicht nur an der Realität sozialarbeiterischer Interaktion vorbei, sondern verpaßt auch ein wesentliches Element ihrer Funktionalität).[50] Die „Autonomie,“ von der bei Parsons die Rede ist, ist dabei kein aufklärerisches Ideal, sondern als „requirement to be independent“[51] die von modernen Funktionszusammenhängen geforderte Fähigkeit zur Selbststeuerung.[52] Kontrolle ist hier, wie dann später in der Foucaultschen gouvernementalité, schon ins soziale Subjekt eingebaut.[53] Hilfe- und Kontrollfunktion fallen schon deshalb weitgehend in eins, weil Autonomie Voraussetzung für die Teilnahme an sozialen Reziprozitäten ist. Und diese Teilnahme ist selbst wiederum unabkömmlich für Anerkennung, autonome Handlungsfähigkeit und letztlich die schiere Existenz des Individuums in seinen sozialen Beziehungen.[54] Hilfe zur Selbsthilfe fällt mit einer Kontrolle der Selbstkontrolle zusammen.

Wenn man aufgrund des auch von Parsons eingeräumten Primats der Reproduktionserfordernisse einer kapitalistischen Gesellschaft[55] den funktionalistisch-zentralen Gesundheitsbegriff als „abstrakte Arbeitskraft“[56] versteht (soll heißen, den bloßen Umstand der Funktionsfähigkeit zunächst ohne Ansehen der konkreten Funktion) – dann läßt sich dieser im Sinne einer Fähigkeit zur autonomen Alltagsbewältigung als Zielzustand auch auf die Soziale Arbeit übertragen (was gemäß der Formel von ihrer alltäglichen „Allzuständigkeit“[57] mehr als plausibel scheint).

Die zu reproduzierende abstrakte Arbeitskraft (die natürlich in jedem konkreten Reproduktionsakt als jeweils spezifische wiederhergestellt wird) ist nicht von der Lebensfähigkeit an sich zu trennen – das heißt, nicht nur ist die durch ihre Minderung verursachte Anomie sowohl individuell als auch kollektiv – das unmittelbare Interesse an ihrer Wiederherstellung ist dies ebenso. In einem durch den Warencharakter der Arbeitskraft definierten kapitalistischen Gesellschaftssystem gilt, daß Autonomisierung als „Emanzipation“ immer nur zeitweise Befreiung von Arbeit, aber tendenziell Befreiung zur und durch Arbeit ist.[58] Das ergibt sich zudem auch aus der Zentralität ersterer für legitime Zugehörigkeit für zumindest all jene, die frei von Produktionsmitteln[59] sind.

Vor diesem Hintergrund gilt weiterhin – heute wie schon in den 1970ern – daß für alle, die weder über Kapital noch über vermarktbare Erwerbsarbeitsfähigkeit („employability“) verfügen, individuelle Emanzipationschancen sich „schwerlich jenseits des institutionalisierten Rahmens öffentlicher Planungs- und Steuerungsagenturen verwirklichen lassen werden“.[60] In der Etablierung alltäglicher Lebensfähigkeit implizierte Reproduktion abstrakter und konkreter Arbeitskraft bestätigt sich der aus professionspraktischer Sicht problematische Begriff der „hilfreichen Kontrolle“ [61]

Wenn individueller und systemischer Auftrag, das „doppelte Mandat“, so verstanden wird, daß die Profession an der Herstellung, Aufrechterhaltung und Wiedererstellung der Funktionsfähigkeit arbeitet, die eben auch Arbeitskraft und die Fähigkeit, sie zu reproduzieren ist, dann liegt es nahe, sie als Überbau zu verstehen – als Gesamt derjenigen Institutionen, die nach Louis Althusser zuständig zeichnen für die „Reproduktion der Produktionsverhältnisse.“[62] Auf Parallelen des strukturellen Marxismus Althussers und dem Strukturfunktionalismus Parsons‘ wurde vor allem mit Blick auf deren deterministischen Rigidität hingewiesen.[63] Im Unterschied zu Althusser scheint bei Parson jedoch das vitale Interesse des Individuums an einer funktionierenden Ordnung durch. Wenn man diese sozialpsychologische Dimension nicht (wie bei Parsons und auch bei Althusser stark im Vordergrund) psychoanalytisch sondern über Rückbezug auf Émile Durkheims Anomiebegriff[64] rekonstruiert, dann werden schon hier (auch wenn bei Parsons selbst ausgeblendet) Frustrationen an systemischer Dysfunktionalität als Anlaß für eine Thematisierung von Gerechtigkeit verständlich – dann nämlich, wenn es sich um Auswirkungen und Wahrnehmungen „anomischer Arbeitsteilung“[65] handelt, welche konkret aus einem Mangel an balancierter Reziprozität und der damit einhergehenden Mißachtungserfahrung,[66]  Nichtanerkennung sozialen Werts, resultiert. Aus der klassischen Professionstheorie ergeben sich so nicht nur Ansätze, eine Institution wie die Soziale Arbeit als einen Überbau mit Reproduktionsfunktion zu verstehen, sondern auch schon Hinweise, wie die Funktionalität dieses Überbaus eine Reflexion auf durch ungleiche Herrschaftsverhältnisse bedingte soziale Ungerechtigkeit nahelegt.

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Eine Invokation der Basis-Überbau-Metaphorik muß jedoch auf eine Weise verfahren, welche jene Fallstricke vermeidet, die das Theorem bei aller intuitiven Plausibilität selbst in ihren weniger dogmatischen marxistischen Auslegungen immer wieder zu Boden bringen.[67] Die Reformulierung wird darauf angelegt sein, die Aporien des engen Bezugs auf eine Basis als „ökonomische Struktur“ aus Produktivkräften und Produktionsverhältnissen[68] zu vermeiden, indem sie als das Gesamt der alltäglichen Produktion und Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens gefaßt wird. Damit wird auch die im Ökonomismus der Marxschen Formel wurzelnde Implikation eines Hauptwiderspruchs Arbeit-Kapital herausgenommen werden, welcher in der marxistischen Sozialarbeitskritik intersektionale Diskriminierungen unweigerlich zu einer Kollektion von Nebenwidersprüchen reduziert.[69] Auch die immer wieder strittige und meist nur durch eine Wahl zwischen Graden von Determinismus und Schwammigkeit beiseite geschobene Frage ist zu klären, was es nun heißen könnte, daß die Basis den Überbau „bestimme“ bzw. der Überbau der Basis „entspreche.“ In diesem Zusammenhang ist nun zunächst der Einwand zu bearbeiten, der in besonderer Schärfe von Michael Bommes und Alfred Scherr in ihrer Soziologie der Sozialen Arbeit ins Feld geführt wurde,[70] nämlich daß neomarxistische Sozialarbeitskritik, in der die Profession als ein Überbau erscheint, auf einen nicht haltbaren deterministischen Strukturfunktionalismus hinauslaufe. Die Ausformung, oder auch nur die bloße Existenz, Sozialer Arbeit läßt sich jedoch nicht einfach aus der Reproduktionsfunktion von „kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen“ erklären – und zwar selbst wenn sie den Effekt hat, diese zu stabilisieren.[71]

Da ein Basis/Überbau Theorem in welcher Form auch immer aber, wie Jerry Cohen[72] feststellt, nur als Funktionalismus zu denken ist, wird darauf zu achten sein, daß die Limitierungen eines nicht-deterministischen Funktionalismus nicht überschritten werden, in welchem funktionale Erfordernisse zwar institutionelle Lösungen provozieren, aber nicht vorgeben, wie diese Lösungen aussehen.[73] Hierzu wird die von Raymond Williams vorgeschlagene Reinterpretation der „Bestimmung“ in der Marxschen Formel aufgegriffen und weiterentwickelt werden, die genau dies innerhalb marxistischer Begrifflichkeiten leistet.[74]

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Um mit einer Erweiterung der Basis zu beginnen, welche nicht nur einen engen Ökonomismus ausschließt sondern zugleich mit den Prämissen Sozialer Arbeit resoniert: Ágnes Heller bezeichnet den Alltag, in dem sich die Individuen in ihren Lebensäußerungen „vergegenständlichen,“ als die „Basis,“ auf der sich der Fluß der Geschichte bewegt.[75] Sie grenzt dieses Konzept noch von der „eigentlichen“ marxistischen Basis/Überbau Theorie ab und läßt diese dadurch als letztlich lebensweltlich irrelevant fallen. Ein Anschließen an die Marxsche Vorlage wird jedoch möglich unter Hinzunahme der Vorschläge aus der Social Reproduction Theory im Gefolge von Lise Vogel,[76] welche den Fokus von der Erwerbsarbeit auf die Produktion und Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens im vollen Umfang und allen Aspekten erweitert – einschließlich der symbolischen und emotionalen, welche die alltägliche Kontinuität gesellschaftlichen Lebens tragen. Hier geht es weiterhin auch und weiterhin paradigmatisch um die zentrale Funktion einer kapitalistischen Gesellschaft: Extraktion von Mehrwert durch die Ausbeutung von Arbeitskraft – aber eben nicht ausschließlich. Verwertbare und nichtverwertbare Arbeitskraft zeigen sich dabei als nicht von der alltäglich reproduzierten Lebensfähigkeit der Menschen schlechthin zu trennen.[77] Als solche geht sie nicht in der abstrakten Größe auf, als die sie sowohl den ökonomistischen Versionen des Marxismus als auch den Theorien des Human Resource Management erscheint, sondern ist historisch-kulturell in all ihren Dimensionen von Race, Gender, Klasse, Sexualität, Ästhetik, Funktionalität etc. körperlich, emotional und intellektuell konstituiert. Und sie kann dann umgekehrt in all ihren Dimensionen durch ihre Funktionalisierung im Produktions- und Reproduktionsprozeß als „künstliche“ Ware[78] in all diesen wieder für den Verwertungsprozeß relevant werden, selbst wenn sie nicht mit Blick auf diesen wiederhergestellt wird.[79] In der Betonung dieser gegenseitigen Konstitution nimmt der Social-Reproduction-Ansatz die Einsichten intersektionaler Perspektiven auf, ohne sich die Probleme einer Ontologisierung von Ausgangskategorien (Race, Gender, Klasse etc.) einzuhandeln.[80] Da aber die marxistische Theorietradition mit wenigen Ausnahmen wie Ágnes Heller und Henri Lefebvre wenig zur Analyse des Alltagslebens beizutragen hat – und sich dabei notorisch in Hegeleien verhäkelt, wird hier vorgeschlagen, eine genuin soziologische Perspektive zu substituieren. Heller selbst legt dabei das Werk Alfred Schütz‘ nahe, den sie in vielerlei Hinsicht als parallel zu ihrem eigenen anerkennt und sich primär von diesem aufgrund eines unkritischen Positivismus – also fehlender Transzendenz – abgrenzt.[81]

Doch ausgerechnet diese zunächst unkritische Immanenz[82] stellt einen Anschlußpunkt dahingehend dar, daß einerseits beim späten Alfred Schütz der Alltag durch seine körperliche Dimension ein geradezu materialistisches Primat gewinnt,[83]  und andererseits der materialistische Arbeitsbegriff in der bekannten Metapher von Biene, Baumeister, Spinne und Weber beim späten Karl Marx[84] das Konzept des Handelns als antizipierendes Nachstreben einer modo futuri exacti vor-imaginierten Handlung bei Schütz[85] vorwegnimmt (welches dieser dann in den amerikanischen Schriften „working“ nennen wird).[86]

Der Bezug auf den angeblich „positivistischen“ Schütz bietet zudem gerade wegen der von Ágnes Heller bemängelten Perspektive auf eine kritische Transzendenz des kapitalistischen Alltagslebens die Möglichkeit, die (aus der Perspektive der Basis so erscheinende) Außeralltäglichkeit der Überbauten in ihrem Alltagsbezug in den Blick nehmen zu können. Gabriella Paolucci folgend, ist hierzu einerseits von Ágnes Heller die Perspektive auf den Alltag als Sphäre der gewöhnlichen Selbstproduktion und -reproduktion des Lebens[87] in all seinen Aspekten (egal ob ökonomisch, religiös, kulturell etc.) beizubehalten – andererseits aber die implizit romantische Vorstellung von einer emanzipativen Transzendenz des Alltags in kreativer Tätigkeit zurückzuweisen.[88]

Als Basis kann man den Alltag mit Schütz geprägt sehen als charakterisiert durch routiniertes Verhalten und Handeln im Modus des „Und so weiter“ und „Ich kann immer wieder“ in einer fraglos gegebenen Realität, d.h. eingespieltes, unreflektiertes und aufgrund gesicherter Wissensbestände und Kompetenzen routiniert modo futuri exacti vorkonzipiertes Agieren,[89] ein stetes Abarbeiten von Alltagsprojekten.[90] Diesen Modus werde ich im Folgenden entsprechend als „basal“ bezeichnen. Basale Routinen werden unausweichlich immer wieder aus den unterschiedlichsten Gründen krisenhaft unterbrochen – bei Schütz[91] vermittelt von jeweils subjektiven Relevanzsystemen. Diese Unterbrechungen erfordern ein Heraus- und Zurücktreten zur reflektiven Suche nach Lösungen. Wenn dieses Heraus- und Zurücktreten institutionalisiert wird, kann man von einem „Überbau“ sprechen – von Hochschulen zur Praxis der Sozialen Arbeit; vom Gemeinderat zum Landgericht; von der Unternehmensberatung zur Tageszeitung etc. etc. Der hier zum Tragen kommenden Modus der distanzierten Reflexion wird im folgenden „superstrukturell“ genannt.[92] Nicht jede Unterbrechung und ihre superstrukturelle Bearbeitung erfolgt durch Überbauten – im Gegenteil: Der Alltag ist gekennzeichnet von der Prävalenz des basalen Modus, aber enthält regelmäßig superstrukturelle Momente der Reflexion, die ihn unterbrechend oder auf Unterbrechungen reagierend auf bewußterer Ebene reproduzieren und verändern. Die meisten Alltagskrisen verbleiben in alltäglicher Problematisierung und werden alltäglich aufgelöst, eingedämmt, verdrängt, umdefiniert etc. und verharren, schwinden, wachsen oder verändern sich damit im Alltäglichen.

Umgekehrt besteht die Praxis in Überbauten – und bei aller Betonung von „reflexiver Professionalität“[93] eben auch in der Sozialen Arbeit – selbst zu einem Großteil aus Routinen (bei Ralf Bohnsack: eine habitualisierte Praxis[94]; bei Max Weber: veralltäglichtes Charisma[95]). Entscheidend ist, daß die superstrukturelle Reflexion die zentrale Zuständigkeit der Institution, das differenzierende Merkmal der Beruflichkeit darstellt.[96] Überbauten allgemein – und schon bei Karl Marx professionelle Überbauten insbesondere – sind Phänomene der Arbeitsteilung.[97] Durch die Unterscheidung von Modi (basal/superstrukturell) und Ebenen (Basis/Überbau) wird zudem möglich, die Alltäglichkeit von Überbauten auch als Basis für sekundäre oder weitere Überbauten zu verstehen – so bildet beispielsweise die Institution der Supervision dann einen Überbau im Überbau der Sozialen Arbeit, in welchem deren Alltagsroutinen kritisch-reflexiv und unterstützend handlungsentlastet in den Blick genommen werden können.

Die aus der Sicht der Klient*innen Außeralltäglichkeit der professionellen Problembearbeitung wird über längere Strecken von den eingespielten Routinen der Wahrnehmung, Einschätzung, Systematisierung und Kommunikation der Professionellen getragen, die sich in ihrer Struktur über weite Strecken nicht vom Alltagsleben der Klient*innen unterscheiden wird. Eine Besonderheit des Überbaus „Soziale Arbeit“ ist dabei, daß nicht nur ein veralltäglichter professioneller Habitus zum Tragen kommt, sondern zwecks Anschlußfähigkeit an die zu behandelnden Probleme „Alltäglichkeit“ als Gestus kultiviert und instrumentalisiert wird. Diese Sicht berücksichtigt insbesondere den gegenseitigen Bezug in den „konjunktiven“ Erfahrungsräumen von Klient*innen und Professionellen, [98] da die „superstrukturelle“ Reflexion dem Alltag entlehnt und daraus weiterentwickelt ist – Hans-Georg Soeffner spricht von einer im Potential des kognitiven Stils des Alltags angelegten „Tendenz zur Selbstüberschreitung.“[99] Andererseits stellt die wahrgenommene Routiniertheit professioneller Praxis, ihre Selbstsicherheit, einen Hebel in der Re-Etablierung von Alltagsroutinen an der Basis dar.

So wie das Verhältnis „basaler“ Routinen und „superstruktureller“ Reflexion im Alltag kann dann das Verhältnis von Basis und Überbau (nach Raymond Williams‘ Deutung von „Determination“) als „Bedingung“ verstanden werden, in der die Basis die Anlässe und Möglichkeitsräume, sowie Grenzen für superstrukturelle Interventionen setzt. Andererseits kann dem Überbau eine intentional bestimmende (im Sinne von determination als Entschlossenheit) Rolle zugeschrieben werden – eine „kontrollierende“ und „steuernde“ (controlling), aber an die Bedingungen der alltäglichen Realität gebundene.[100] Vorgeschlagen wird also eine gegenseitige Determination, die in der Formel „Die Basis bedingt den Überbau – der Überbau bestimmt die Basis“ über eine diffuse „Wechselwirkung“[101] hinausreicht.

Die Soziale Arbeit als Überbau greift in den Alltag beratend und – in Verbindung mit anderen Überbauten – kontrollierend und teilweise (wie in der Bewährungshilfe besonders deutlich) sanktionierend – ein. Sie erarbeitet – in konjunktiven Räumen, durch die Ermöglichung von übers Alltägliche hinausgehender Reflexion – Lösungen für Probleme, für die der Alltag selbst keine Lösungen findet und an denen er zu zerbrechen droht. Sie hat so eine bestimmende, richtungsgebende Rolle. Aber die Routinen des Alltags, die im Alltag zugänglichen oder zugänglich zu machenden Ressourcen aller Art sowie die Bereitschaft, sich auf professionelle Interaktion überhaupt erst einzulassen bedingen (im Sinne sowohl von „verursachen“ oder „auslösen“ wie von „begrenzen“) wie und was superstrukturell überhaupt machbar, steuerbar, beeinflußbar – bestimmbar – ist. Ohne eine im Alltag plausibel wahrnehmbare Problemlage wird ein Überbau keinen Anlaß zur kontrollierend/steuernden Intervention haben – und wenn es doch geschieht, wird die Intervention wenig Erfolgschancen haben. Aber auch wenn ein solcher Anlaß vorliegt, gilt für die Arbeit des Überbaus immer noch das gleiche, was von Platons δημιουργόςbis zu Marxs Baumeister als ihr materialistischer Kern erkannt war: Sie kann das Vorgefundene nur innerhalb dessen eigener Gesetzmäßigkeiten transformieren.[102] Soziale Arbeit schließt an die jeweiligen Routinen des zu bearbeitenden Alltags an, mobilisiert die in ihm liegenden Potentiale, erschließt ungenutzte Ressourcen – und stößt dabei ständig an die Grenzen nicht nur ihrer eigenen Möglichkeiten, sondern der „objektiven Möglichkeiten“ des in Sozialer Arbeit bearbeiteten Sozialen selbst – der alltäglichen Reproduktion und Produktion von gesellschaftlichem Leben.

Hier wird auch die Erklärungskraft nicht-deterministischer funktionalistischer Annahmen und ihre Eingrenzung deutlich. Denn die Genese von professionellen Praktiken muß so einerseits nicht mehr aus einer übergeordneten Herrschaftsstruktur (oder auch nur dominanten Struktur) abgeleitet werden, sondern ergibt sich aus den verschiedensten „Projekten“ – und wird dann entsprechend ihrer „Überlebensfähigkeit“ im Sinne einer Praktikabilität „selegiert“. Andererseits wird intendierte Funktionalität aber auch nicht heruntergespielt oder ganz gestrichen.[103] Intendierte wie nicht-intendierte Folgen sind somit gleichermaßen „funktional,“ ohne daß sie regelmäßig aus der effektiven Funktionalität erklärt werden müssen. Zugleich ist Funktionalität bzw. Funktionalitätserwartung einem Überbau aufgrund der Tatsache, daß es sich um ein Phänomen gesellschaftlicher Arbeitsteilung, funktionaler Differenzierung, handelt, eingeschrieben und damit dann auch als Ethos einer in Überbauten beschäftigten New Class im Sinne Alvin Gouldners[104] als Leitmotiv identifizierbar.

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Reagierend auf konkrete Probleme an der Basis ist greifbar, warum eine Sorge um die Sicherstellung von funktionierendem Alltag sich in den Reflexionen der Sozialarbeiter*innen viel deutlicher ablesen läßt als die Beschäftigung mit Gerechtigkeit. Besonders deutlich wird dies beispielsweise in Regine Müllers akribischer Studie[105] zum Professionalitätsverständnis der Sozialen Arbeit im Kontext von Kinderarmut (also just dem Feld, in dem die Ungerechtigkeit von Ungleichheit und Benachteiligung sich am unbestreitbarsten manifestiert). Hier zeigt sich, daß unterschiedliche Orientierungen sich dennoch weitgehend innerhalb des wohlfahrtsstaatlichen Rahmens bewegen und allenfalls (aber durchaus nicht durchgehend) sich immanent ergebende Gestaltungsräume ausgereizt werden. Nicht, daß Ungerechtigkeit nicht thematisiert würde, gerade vor dem Hintergrund, daß Kinder nicht für ihre eigene Situation verantwortlich gemacht werden können.[106] Dennoch bleibt das berufliche Handeln (in unterschiedlichem Ausmaß) fokussiert auf die zur Verfügung stehenden Strukturen der eigenen Netzwerke der Unterstützung, die Möglichkeiten innerhalb der eigenen Rollen innerhalb dieser Strukturen, oder auch – weniger professionell – in paternalistisch-pädagogisierender Aktivierung. Aus welcher Grundhaltung auch immer – der berufliche Alltag scheint (so zumindest auch der durchgehende Eindruck auch aus den Praxisreflexionen) von einem Kümmern ums Funktionieren des Alltags der Klient*innen schlechthin, ums „auf die Reihe kriegen“ geprägt: Die Dinge am Laufen halten, Ressourcen auftun, Blockaden beseitigen – gelingende soziale Integration des Individuums und damit Integration des Sozialen, vorwiegend im Interesse der Klient*innen, aber mit dem Effekt der Mitwirkung am, um den etablierten bundesrepublikanischen Begriff zu bemühen, „sozialen Frieden.“ Im Mittelpunkt der institutionalisierten Reflexion des eigenen Handelns – vor allem auch, wenn man den Vorgaben aus den Methoden-Lehrbüchern zur Evaluationsphase folgt[107] – stehen die Abläufe und Wirkungen der erfolgten Interventionen unter Aspekten von Effektivität und Effizienz in diesem Sinne.

Daraus ergibt sich dann auch eher ein „Proprium“ im Ziel des selbstgesteuerten funktionierenden leb-baren Alltags. Das schlägt sich auch in den vermittelten Methoden der Sozialen Arbeit nieder, in denen es (wenn man es mit Bezug auf Schütz faßt) zentral um die Transformation von Verhalten in Handeln (über die Reflexion auf antizipierte Ergebnisse des Handelns, und in diesem Rahmen vor allem auch die Erweiterung des Blicks von Weil- auf Um-zu-Motive), sowie auf die Rationalisierung von Handeln nicht nur über Realitätsabsicherungen sondern auch die Verlängerung kausaler Verkettungen.[108]

Dieses Ethos wird nun durch systemische Rahmenbedingungen, durch die Ursachen und Auswirkungen sozialer Ungleichheit regelmäßig unterminiert.

Einer der weiterhin gültigen Erträge aus der marxistischen Sozialarbeitskritik ist, daß (bei aller erreichten „Linderung“, „Befähigung“ etc.) auf individuelle Hilfe ausgerichtete Lösungsversuche größtenteils sozial verursachter Probleme aufs Ganze gesehen nicht zu sozialen Veränderungen führen, welche das Ausmaß der Probleme spürbar verringern könnten. Das heißt, Sozialarbeiter*innen selbst geraten in ihren professionellen Routinen immer wieder selbst in Krisen, in denen die Sinnhaftigkeit des professionellen Handelns fraglich wird. In der alltäglichen professionellen Arbeit erleben Sozialarbeiter*innen mehr oder weniger regelmäßig, daß die sozialen Ursachen individueller Anomie der individuellen Bearbeitung meist nicht zur Verfügung stehen. Je härter und durchgängiger diese Erfahrung gemacht wird, desto wahrscheinlicher das Interesse für soziale Gerechtigkeit (aber auch die Verarbeitung kognitiver Dissonanz auf andere Weise, bis hin zum victim blaming).[109] Für die Frage, wie sich die Bearbeitung kognitiver Dissonanz, die sich aus professioneller Frustration ergibt, in gerechtigkeitsorientiertem Handeln innerhalb oder jenseits[110] der professionellen Rolle niederschlägt, wäre zunächst gefordert, die Gerechtigkeits-Intuitionen der Sozialarbeiter*innen selbst (und auch die ihrer Klient*innen) in Augenschein zu nehmen. Diese sind dabei (in Wittgensteinscher Tradition – wenn es schon Philosophie sein muß)[111] an die Praxis und deren ethische Implikationen rückzubinden bzw. aus dieser heraus zu verstehen. Trotz des breiten akademischen und professionspolitischen Interesses an Gerechtigkeit, steht eine systematische Untersuchung von Gerechtigkeitsvorstellungen Sozialarbeitender aber noch aus. Als Ergebnis sind ineinander abschattierende Sphären der Gerechtigkeit zu erwarten (wenn auch möglicherweise weit weniger abgegrenzt als es Michael Walzer lieb sein könnte),[112] in denen für unterschiedliche Personengruppen in unterschiedlichen Feldern mit Bezug auf unterschiedliche Güter je eigene „Prinzipien“ zur Geltung kommen, die die moralischen Grammatiken von Alltagspraktiken wie dem Einkaufen, der Lohnarbeit, der nachbarschaftlichen Hilfe etc. etc. folgen. Innerhalb der professionellen Zuständigkeiten werden diese Prinzipien nur äußerst begrenzt zu verwirklichen sein.

Nachsatz: Räumliche Metaphorik und professionelle Mystik

Der Architektur-Bezug der Basis-Überbau Metapher läßt sie wenig flexibel und starr erscheinen. Jedoch hat er auch seine Vorteile. So kann man in ihrer reformulierten Version nicht nur vertikale Stockwerke differenzieren, sondern sie erlaubt auch Verschachtelungen (wie oben erwähnt – die Supervision als in die Soziale Arbeit integrierte Instanz – ein Überbau im Überbau, den man sich als Nebenzimmer vorstellen kann). Über die Räumlichkeit wird auch ein Anschluß an performanztheoretische Fassungen von Professionalität[113] möglich. Wie gesagt impliziert gerade die Trennung der Charakterisierung der Reflexivitätsgrade (basal/superstrukturell) und der Instanzen (Basis/Überbau) auch, daß die professionelle Praxis der Sozialen Arbeit aus Perspektive der Basis auf einer– um es mit Goffman zu sagen – Bühne bzw. front wahrgenommen wird, während sie aus der Perspektive der Professionellen in der Rolle und hinter der Rolle als eine routinierte Performanz mit entsprechender Dramatisierung ausgeführt wird.[114] Auch wenn man solche Dramatisierungen als Aufrechterhaltung eines veralltäglichten Charismas versteht, also eine religionssoziologische Dimension mitdenkt,[115] macht es Sinn, sich auch räumlicher Metaphorik zu bedienen. In der Sozialen Arbeit mehr noch als in anderen Professionen ist beispielsweise Nähe und Distanz ein zentrales Thema und Problem der Praxis. Der Verdacht, daß in der in Kontakt bleibenden Distanzierung und der distanzierten Annäherung eine der Quellen sowohl professioneller Erkenntnis als auch professioneller Autorität liegen könnte, wird auch durch Parallelen zu spirituell legitimierten Beratungspraktiken genährt – wie etwa in der von Michele Stephen und Luh Ketut Suryani beschriebenen durch Vertrautheit mit und Isolierung von der Gemeinschaft gestützte autonome Imagination der balian, die zwar einerseits durch innere Erfahrungen und äußere Merkmale von der Gemeinschaft gesondert sind, zugleich aber nichtsdestotrotz vollumfänglich am Gemeinschaftsleben teilnehmen.[116] In ausartikulierter Mystik werden Übergänge, Kontaktzonen – werden die „konjunktiven Erfahrungsräume“ der spirituell-professionellen Praxis mit räumlichen Metaphern bezeichnet – so beispielsweise im Sufismus der Schwellen- oder Eingangsbereich dihliz. Wäre es nicht, aus materialistischer Sicht, angebracht, ein Verständnis für die evident „mystischen“ Aspekte professionellen Handelns weniger aus einer religiösen Genealogie sondern eher aus einem räumlichen Setting zu entwickeln?

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[1] Erweiterte Version des Beitrags zur Veranstaltung „Professionalitäten in sozialen Beruflichkeiten: Pflege, Medizin, Therapie, Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung“ der Sektion Professionssoziologie, 42. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Duisburg 22. – 26. September 2025

[2] Ein erstes Thesenpapier zur besagten Reformulierung ist hier abrufbar

[3] Instruktiv hier immer noch der von Walter Hollstein und Marianne Meinhold herausgegebene Sammelband Sozialarbeit unter kapitalistischen Produktionsbedingungen (Frankfurt am Main: Fischer 1973)

[4] S. hierzu Falko Müller, „Von der Kritik der Hilfe zur ‚Hilfreichen Kontrolle‘. Der Mythos von Hilfe und Kontrolle zwischen Parteilichkeit und Legitimation,“ in: Roland Anhorn, Frank Bettinger, Cornelis Horlacher & Kerstin Rathgeb (Hrsg.): Kritik der Sozialen Arbeit – kritische Soziale Arbeit: Perspektiven Kritischer Sozialer Arbeit (Wiesbaden: Springer VS 2012), 129).

[5] Nach einer grundlegenden Ausformulierung durch Mark Schrödter in der neuen praxis  findet sich eine entsprechende Kodifizierung unter Mitautorenschaft von unter anderem Hans-Uwe Otto im autoritativen Handbuch Soziale Arbeit  (Mark, Schrödter, „Soziale Arbeit als Gerechtigkeitsprofession. Zur Gewährleistung von Verwirklichungschancen,“ neue praxis 37, no.1 (2007), 3-28; Karin Böllert, Hans-Uwe Otto, Mark Schrödter & Holger Ziegler, „Gerechtigkeit,“ in: Hans-Uwe Otto, Hans Thiersch, Rainer Treptow & Holger Ziegler (eds.): Handbuch Soziale Arbeit. Grundlagen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik (München: Ernst Reinhardt 20186), 516-526)

[6] Falko Müller, „Professionalisierung und Kritik. Zur Rekonstruktion der Neukonstruktion der beruflichen Identität Sozialer Arbeit,“ Zeitschrift für Sozialpädagogik 21, no.3 (2023), 263.

[7] Die Leichtigkeit, mit der hierzu Bourdieusche und Luhmannsche Motive fusioniert werden können, wie Michael Bommes und Albert Scherrs Argumentation für eine systemtheoretische Alternative zur marxistischen bzw. marxisierenden Ungleichheitstheorien zeigt, kann als indikativ gelten für die schicksalhafte Akzeptanz von, wenn überhaupt, nur graduell anzugehender sozialer Ungerechtigkeit. (Soziologie der Sozialen Arbeit (Weinheim: Juventa 2000), 82sqq.)

[8] Mit diesem Attribut belegt Leszek Kołakowski die Frankfurter Schule aufgrund ihres Bezugs auf die marxistische Theorietradition, die sich jedoch sowohl der Bindung an Parteilinien als auch der quasi-theologischen Treue zu den Vorgaben der Klassiker verweigert und darüber über das im „westlichen Marxismus“ gezeigte Maß, daß sich – wie an György Lukács nicht erst gezeigt werden muß – sich immer noch einer, wenn auch partei-untreuen, Orthodoxie verpflichtet sieht. (Die Hauptströmungen des Marxismus 3: Zerfall (München: Piper1989 [1978]), 373)

[9] Nina Thieme, „Hilfe und Kontrolle,“ in: Fabian Kessl, Elke Kruse, Sabine Stövesand & Werner Thole (Hrsg.): Soziale Arbeit – Kernthemen und Problemfelder (Opladen: Barbara Budrich 2017), 17-24

[10] Die Gefahr der Überforderung ergibt sich, weil der Anspruch sich in eine Anforderung übersetzen läßt, and der dann das jeweilige professionelle Handeln der einzelnen Sozialarbeiter*innen gemessen werden kann „Versteht man Soziale Arbeit in diesem Sinne als eine kritische, auf gesellschaftliche Veränderung zielende Praxis, so leiten sich daraus Maßstäbe zur Bewertung des Handelns von Sozialarbeiter:innen bzw. Sozialpädagog:innen ab, die nicht nur die Beziehungsgestaltung betreffen, sondern die Erschließung von Ressourcen, die Förderung der Teilhaberechte und -möglichkeiten der Adressat:innen sowie die Weiterentwicklung sozialer Gerechtigkeit als wesentlich für professionelles Handelns [sic!] erachten.“ Sonja Kubisch & Julia Franz, „Professionalisierung in der Sozialen Arbeit aus der Perspektive der Praxeologischen Wissenssoziologie,“ in: Ralf Bohnsack, Andreas Bonnet & Uwe Hericks (eds.): Praxeologisch-wissenssoziologische Professionsforschung. Perspektiven aus Früh- und Schulpädagogik, Fachdidaktik und Sozialer Arbeit (Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt 2022), 422

[11] Am in dieser Hinsicht ähnlich gelagerten, aber politisch nicht ganz so weitgreifenden Anspruch der „Menschenrechtsprofession“ macht Jochem Kotthaus deutlich, daß hier auch Faktoren wie die soziale Herkunft der Sozialarbeiter*innen wie auch die akademische Verortung der von ihnen absolvierten Studiengänge eine Rolle spielen, indem sie eine schlechte Ausgangsbasis für das Durchsetzen von moralischen Ansprüchen gegenüber  privilegierteren professionellen und bürokratischen Funktionsträger*innen bilden ( „Die Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession – revisited,“ in: Rita Braches-Chyrek & Heinz Sünker (Hrsg.), Soziale Arbeit in gesellschaftlichen Konflikten und Kämpfen (Wiesbaden: Springer VS 2017), 106sqq.)

[12] In Lehrbüchern wird durchgehend betont, daß – außerhalb von sehr eng definierten eindeutigen Zwangskontexten (also nur bei gerichtlicher Anordnung), der „unstrittige Grundsatz“ gilt, „dass Hilfedürftigkeit“ zwar nicht „wegdefiniert“, aber eben auch „nicht aufgezwungen werden“ dürfe. Burkhard Müller, Sozialpädagogisches Können. Ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit (Freiburg im Breisgau: Lambertus 2017 [1993]), 163.

[13] „Die Legitimität und Notwendigkeit einer Kritik, die in unterschiedlichen Varianten darauf zielt, den Selbstanspruch der Sozialen Arbeit, Hilfe für Hilfsbedürftige zu leisten, mit Analysen der gesellschaftlichen Bedingungen von Hilfsbedürftigkeit und der gesellschaftlichen Situierung verberuflichter, verrechtlichter und organisierter Hilfen zu konfrontieren und damit auf Grenzen und Paradoxien Sozialer Arbeit hinzuweisen, ist hier nicht in Frage zu stellen. Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass eine solche externe Kritik ein durchaus voraussetzungsvolles Unternehmen darstellt und nicht den Anspruch erheben kann, an die Stelle praxeologischer Theorien zu treten, die sich mit den Erfordernissen und Möglichkeiten des Helfens unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen auseinandersetzen. Denn der Maßstab, an dem sich die berufliche Praxis im Fall der Sozialen Arbeit primär zu messen hat, ist ihr Beitrag zur wirksamen und zeitnahen Verbesserung der Lebenssituation ihrer AdressatInnen. Demgegenüber setzt die Einnahme einer sozialwissenschaftlichen Beobachterperspektive Entlastung von der Notwendigkeit voraus, auf vorgefundenen Hilfebedarf direkt reagieren zu müssen.“ Albert Scherr, „Reflexive Kritik. Über Gewissheiten und Schwierigkeiten kritischer Theorie, auch in der Sozialen Arbeit,“ in: Roland Anhorn, Frank Bettinger, Cornelis Horlacher & Kerstin Rathgeb (Hrsg.): Kritik der Sozialen Arbeit – kritische Soziale Arbeit (Wiesbaden: Springer VS 2012), 111.

[14] Angesichts der eingeschränkten politischen Spielräume für die Profession selbst liefe ein gerechtigkeitsfördernder Ansatz unweigerlich auf politische Aktivierung hinaus. Daß gerade bei einem emanzipativen, der einer Kontrollfunktion skeptisch oder kritisch gegenüberstehenden professionellen Selbstverständnis eine Intervention als ein Einschreiten, das immer auch an den sonst geltenden Erwartungen eines Respekts individueller Autonomie gemessen ein Überschreiten darstellt, durch eine unmittelbare und dringliche Notwendigkeit legitimiert werden muß, wird in der Methodenliteratur immer wieder betont –    Micha Brumlik beispielsweise sieht in seiner Rechtfertigung sozialpädagogischen Eingreifens ein deren Legitimität absichernden Grenzen „Verbot der Veränderung von Überzeugungen und Charakter“ sowie sonst „aller Maßnahmen, die die aktuelle oder potentielle Selbstachtung einer Person verletzen könnten“ (Advokatorische Ethik. Zur Legitimation pädagogischer Eingriffe (Bielefeld: KT-Verlag 1992), 237). Schon beim bloßen Verstehen, welches die Grundlage für jede Intervention darstellt, sei besonderer „pädagogischen Takt“ geboten, da der Anlaß zum Einsatz erkennenden Verstehens unverständliches, unliebsames oder inakzeptables Verhalten ist, solches Verstehen aber in Herrschaft umschlagen kann“ („Verstehen oder Kolonialisieren – Überlegungen zu einem aktuellen Thema,“ in: Siegfried Müller & Hans-Uwe Otto (Hrsg.): Verstehen oder Kolonialisieren? Grundprobleme sozialpädagogischen Handelns und Forschens (Bielefeld: Kleine Verlag 1986), 72). Die „Eigenständigkeit und Eigensinnigkeit, ja auch die Unverständlichkeit und Undurchsichtigkeit jener Subjekte, die pädagogischen Maßnahmen unterworfen sind“ (ibid., 73) ist anzuerkennen. Aus solchem Verbot, solchem Takt und solcher Anerkennung ergeben sich sehr enge Grenzen, in denen das Thema „soziale Gerechtigkeit“ in der Interaktion mit Klient*innen überhaupt politisch angegangen werden kann. Eine „Pädagogik der Unterdrückten“ im Sinne Paolo Freires etwa verbietet sich kategorisch im Kontext einer machtungleichen professionellen Arbeit (nicht aber in einer solidarischen Praxis die sich im abolitionistischen Sinn tatsächlich institutionsunabhängig und genuin antiautoritär gerieren kann). Zur Problematik politisch aktivierender Beratung am Beispiel der Career Guidance for Social Justice s. Matthias Varul, „Anomie, Autonomy, and Equity: Professionalism in Career Counselling between Neoliberal Selfhood and Social Justice,” Presentation at the BSA’s Work, Employment and Society Conference 27th August 2021

[15] Steven Lukes, „Can the Base be distinguished from the Superstructure?,” Analyse & Kritik 4 (1982), 222

[16] Der Differenzierung von Ágnes Heller wird hier, wenn nicht vollständig, so doch im Ansatz gefolgt („Paradigm of Production: Paradigm of Work,“ Dialectical Anthropology, 6, no.1 (1981), 71-79). Im Unterschied zu Heller wird hier der ökonomistische Bezug (und weniger der Werkzeuggebrauch) in den Mittelpunkt gestellt.

[17] Wie sie an prominenter Stelle von Jürgen Habermas mit Bezug auf Karel Kosík angekreidet wurden. (Erkenntnis und Interesse (Frankfurt am Main: Suhrkamp 1967), 40sq.) Habermas eigenem Vorschlag einer Unterscheidung von Arbeit und Interaktion der daran hängenden Dichotomie von System und Lebenswelt wird hier nicht gefolgt – schon allein, weil diese sich in der kritischen Analyse der sich professionalisierenden Sozialen Arbeit nicht bewähren konnten (die im Sammelband von Dewe und Otto 1986 dokumentierte Diskussion zur Sozialen Arbeit zwischen „Verstehen“ und „Kolonisieren“ ist hier instruktiv). Die hier vorgeschlagene Reformulierung einer Basis/Überbau-Differenz kann als Versuch verstanden werden, unter Rückgriff auf den Alltags- und den Handlungsbegriff von Alfred Schütz, eine Alternative zur zunächst von Karel Kosík auf Grundlage eines fundamentalontologisch überhöhten Arbeitsbegriffs angedeuteten und dann vor dem Hintergrund eines rationalistisch verkürzten Arbeitsbegriffs von Jürgen Habermas voll ausformulierten System/Lebenswelt-Differenz darstellt, durch welche in beiden Varianten einerseits die Authentizitätssehnsucht des von beiden nie vollständig überwundenen Erbes eines Martin Heidegger und andererseits die kulturbürgerliche Lesart der Marxschen Theorie als eine der „Verdinglichung“ im Gefolge György Lukács durchscheint. (Bei Kosík gilt dies nicht trotz der von Ivan Landa aufgezeigten kritischen Distanz  zu Heidegger, sondern wegen der Suche nach einer, wie Landa es nennt „ontoformativen“ Alternative in der Theorie der Praxis, also einer metaphysischen Motivation heraus. (Ivan Landa, “Labour and Time: Karel Kosík’s Temporal Materialism,” Karel Kosík and the Dialectics of the Concrete, ed. Joseph Grim Feinberg, Ivan Landa & Jan Mervart (Leiden: Brill 2022), 76).

[18] Einen informativen, empirisch basierten Einblick in Reichweite und Grenzen der Wohlfahrtsverbände in dieser Hinsicht bietet Martina Messan, Die Anwaltsfunktion der freien Wohlfahrtspflege (Weinheim: Beltz Juventa 2019)

[19] Es wäre ohne Frage „richtiger“ und vielleicht sogar „zur Durchsetzung politischer Ziele zugunsten von Menschen in prekären Lebenslagen erfolgversprechender,“ die Stimmen der Betroffenen zum Tragen zu bringen, (Eva M. Welskop-Deffaa, Vom Fürsprecher zum Lautsprecher? – Wohlfahrtsverbände zwischen Fürsorge und Partizipation, in: Konrad Hummel & Gerhard Timm (Hrsg.): Demokratie und Wohlfahrtspflege (Baden-Baden: Nomos 2020), 177sq.) Fraglich bleibt, inwieweit es sich dann nicht doch wieder um ein karitatives Zugeständnis handelt, dem ohne entsprechende Ressourcenzuweisung die Durchsetzungsmacht fehlte.

[20] Darauf weisen schon Lothar Böhnisch und Hans Lösch hin, wenn sie die entpolitisierende Wirkung des Professionalisierungsdiskurs mit der Motivation, sich verwaltender Koordination zu entziehen in Zusammenhang bringen. („Das Handlungsverständnis des Sozialarbeiters und seine institutionelle Determination,“ in: Hans-Uwe Otto & Siegfried Schneider (eds.): Gesellschaftliche Perspektiven der Sozialarbeit. Zweiter Halbband (Neuwied: Luchterhand 1973), 24.) Professionalitätsansprüche sind immer auch mit dem Bestehen auf der Unabhängigkeit des Urteilens und Handelns verbunden. Soziale Gerechtigkeit als Verteilungsgerechtigkeit bedarf aber verläßlicher und nachvollziehbarer Regeln, deren Einhaltung in formalen Prozessen überprüfbar sein muß.

[21] Lutz Leisering. Paradigmen sozialer Gerechtigkeit. Normative Diskurse im Umbau des Sozialstaats. In: Stefan Liebig, Holger Lengfeld & Steffen Mau (Hrsg.): Verteilungsprobleme und Gerechtigkeit in modernen Gesellschaften (Frankfurt am Main: Campus 2004), 29-68

[22] Die Kompatibilität von katholischer Sozialethik und deutschem Wohlfahrtsstaat wird emphatisch und mit analytischer Stringenz von Bernhard Preusche durchargumentiert: Sozialstaat im Überlegungsgleichgewicht. Die Kohärenz von Sozialrecht, Gerechtigkeitsvorstellungen und katholischer Soziallehre zur Erarbeitung sozialstaatlicher Qualitätskriterien. (Baden-Baden: Nomos 2017). Und natürlich kann der Umstand, daß nicht nur die beiden größten Wohlfahrtsverbände kirchlich angebunden sind, sondern auch viele Ausbildungsstätten für die Soziale Arbeit in kirchlicher Trägerschaft sind, nicht wirkungslos bleiben.

[23] Carmen Kaminsky. Soziale Arbeit – normative Theorie und Professionsethik (Opladen: Barbara Budrich 2018), 114, Fußnote 104.

[24] Mark Schrödter, „Soziale Arbeit als Gerechtigkeitsprofession. Zur Gewährleistung von Verwirklichungschancen,“ neue praxis 37, no.1 (2007), 24sq

[25] Ruth Hasberg, Die Wahrnehmung von Einkommensungleichheit. Deutschland und die USA im Vergleich (Wiesbaden: Springer VS 2015), 81sq. beispielsweise notiert die Rolle des Ansatzes in der akademisch informierten Debatte, findet aber sowohl in Deutschland als auch in den USA meritokratische Vorstellung als die mit Abstand am stärksten verbreiteten (ibid. 153sqq.), während der Fähigkeitsansatz neben Leistung, Gleichheit, Bedarf und Anrecht überhaupt nicht als Maßstab zur Beurteilung der Legitimität bzw. der Ungerechtigkeit sozialer Ungleichheit auftaucht. In sozialwissenschaftlichen Kartierungen von sozialer Gerechtigkeit läuft der Capabilities-Ansatz entsprechend auch jeweils nur unter anderem – so beispielsweise bei Christoph Fedke, „Die ewige Suche nach der sozialen Gerechtigkeit,“ in: Karin Elisabeth Müller-Beck (Hrsg.), Gerechtigkeit – facettenreiches Prinzip und anspruchsvolle Gestaltungsaufgabe (Wiesbaden: Springer 2022), 67-85.

[26] Scherr, Albert, „Soziale Arbeit und gesellschaftliche Konflikte. Thesen zu einer Positionsbestimmung,“ in: Rita Braches-Chyrek & Heinz Sünker (Hrsg.), Soziale Arbeit in gesellschaftlichen Konflikten und Kämpfen (Wiesbaden: Springer VS 2017), 69sq.

[27] Und es ist auch gar nicht der Anspruch empirischer Gerechtigkeitsforschung, der Philosophie oder dem politischen Diskurs hier Vorgaben zu machen. Wie Leo Montada zusammenfaßt: „Empirische Sozial- und Verhaltenswissenschaften beanspruchen nicht zu sagen, was gerecht sei bei der Verteilung von Gütern, Rechten und Lasten, was gerecht sei im Austausch zwischen Menschen, Institutionen und sozialen Systemen, was gerecht sei als Vergeltung guter oder schlechter Taten, um drei klassische Domänen der Gerechtigkeit zu nennen. Sie bringen statt dessen in Erfahrung, was Menschen für gerecht oder ungerecht ansehen, wie unterschiedlich das ist, welche Folgen wahrgenommene Ungerechtigkeit hat, wie fest oder änderbar die Überzeugungen sind, wie konsistent sie sind u.a.m.“ Empirische Gerechtigkeitsforschung. Vortrag in der Sitzung der sozialwissenschaftlichen Klasse am 27. Oktober 1994. Berichte und Abhandlungen/Brandenburgische Akademie der Wissenschaften 1.1995, 67

[28] Daß Moral in Praxis verankert, in dieser sich reproduziert, transformiert, bewährt oder scheitert und legt nahe, daß gerade aus Sicht einer angewandten Sozialwissenschaft in der Auswahl der philosophischen Bezüge auf praxologische Zugänge zu achten gewesen wäre. Wittgenstein wäre hier plausibler gewesen als Aristoteles, da diese Perspektive eine Vermittlung von Praxis, darin verankerten Moralvorstellungen und über diese hinausweisende Kritik ermöglichen würde, wie Hanna Fenichel Pitkin festhält: “The point is that a concept like ‘justice’ includes, in all of us, both form and substance, both conventionalized, traditional social practices and an idea that is an ideal by which to measure them. That idea and ideal are not simply the products, the captives,  of the examples from which they are taught, for they are not merely labels and are not taught merely from examples. We are always potentially able to pry the idea loose from some particular example, and reassess its applicability. That, I think, is a major function of political discourse in our lives. It is, of course, a lifelong work, never completed.” Hanna Fenichel Pitkin, Wittgenstein and Justice: On the Significance of Ludwig Wittgenstein for Social and Political Thought (Berkley Ca.: University of California Press 1972), 191

[29] Es fehlt nicht nur der empirische Nachweis, sondern seine Notwendigkeit wird geradezu verneint, wenn die zweifellos auch gegebene Kontroll- und Disziplinierungsfunktion Sozialer Arbeit zur bloßen Akzidenz der essentiell über Gerechtigkeit definierten professionellen Praxis deklariert wird, sondern darüber hinaus eine Identität von „selbstgesetztem Zweck“ und „gesellschaftlichem Auftrag“ unterstellt wird: „Wenn wir auf der Ebene der objektiven Praxis die Frage nach der Einheit der Sozialpädagogik stellen, wenn wir auf der Ebene der subjektiven Selbstsicht die Frage nach der kognitiven Identität der Sozialpädagogik als Profession stellen, so fragen wir nach dem gesellschaftlichen Auftrag, nach dem selbstgesetzten Zweck von Sozialpädagogik. Es ist diese (kollektiv-)intentionale Zwecksetzung im Sinne eines gesellschaftlichen Auftrags, auf den die Frage nach dem Proprium von Professionen zielt. Ebenso gilt für Soziale Arbeit: sie erfüllt zwar die Funktion, Abweichungen zu normalisieren und gesellschaftliche Konflikte zu befrieden, aber das ist nicht ihr selbstgesetzter Zweck. Die Soziale Arbeit mag also viele Funktionen erfüllen, die nicht ihrem gesellschaftlichen Auftrag entsprechen. Soziale Arbeit mag viele Funktionen erfüllen, ohne diese als Zwecke zu verfolgen.“ Mark Schrödter, „Soziale Arbeit als Gerechtigkeitsprofession. Zur Gewährleistung von Verwirklichungschancen,“ neue praxis 37, no.1 (2007), 6sq.

[30] Matthias Z. Varul, “Reciprocity, Recognition, and Labor Value: Marx’s Incidental Moral Anthropology of Capitalist Market Exchange’, Journal of Social Philosophy 41, no.1 (2010), 50-72.

[31] Mareike Sielaff & Felix Wilke, „Die Nichtinanspruchnahme von Grundsicherung als Bewältigungsstrategie, in: Michael Opielka & Felix Wilke (Hrsg.) Der weite Weg zum Bürgergeld  (Wiesbaden: Springer 2024), 120sqq.)

[32] Aristotle, The Nicomachean Ethics. With an English Translation by H. Rackham. (Cambridge, Mass.: William Heinemann 1956), 80sq.; Martha C. Nussbaum, “Nature, Function, and Capability: Aristotle on Political Distribution,” WIDER Working Paper 31 (Helsinki: World Institute for Development Economics of the United Nations University 1987), 3sqq.

[33] Im Bereich Arbeitsförderung und berufliche Beratung ist diese Argumentationsweise weit verbreitet. Teilweise wird die Förderung sogar direkt als staatlicher Auftrag in diesem Sinne verstanden. Siehe bspw. Sebastian Ixmaeier, Pia Buck & Dieter Münk, „Fachkräftesicherung durch Inklusion als Auftrag der beruflichen Bildung in Deutschland,“ in: dies. (Hrsg.) Chancen für Alle durch (berufliche) Bildung. Inklusion und Teilhaben für Menschen mit gesundheitlicher Beeinträchtigung (Bielefeld: wbv 2024)17-30. Interessant in diesem Fall, daß in den Beiträgen des Buches, das hier eingeleitet wird, Teilhaberechte und -chancen im Vordergrund stehen, aber in Titeln und Fazits quasi legitimierend der Nutzen für den Standort Deutschland evoziert wird.

[34] Hans-Uwe Otto & Mark Schrödter, „Befähigungs- und Verwirklichungsgerechtigkeit im Post-Wohlfahrtsstaat,“ in: Fabian Kessl & Hans-Uwe Otto (eds.): Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven (Weinheim: Juventa 2009), 185sq.

[35] Wobei es dann aber auch naheliegt mit Eva Nadai diese Dienstleistungen in der Verschiebung von „Hilfen“ zum „Coaching“ unter einem Vorrang der Integration zu verorten, wobei dann die sozialen Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (und nicht wie so häufig die Jugendarbeit) als paradigmatisch für die Soziale Arbeit insgesamt erscheinen. ( „Sisyphus‘ Erben. Soziale Arbeit in der Armutsbekämpfung,“ in: Fabian Kessl & Hans-Uwe Otto (Hrsg.): Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat. Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven (Weinheim: Juventa 2009), 140sqq.)

[36] Insbesondere wäre damit eine Entgrenzung des ökonomischen Zugriffs auf die Ware Arbeitskraft, eine weitgehende Zurücknahme der teilweisen Entkommodifizierung der Arbeitskraft verbunden, wie sie von Alfred Scherr als  Existenzbedingung für Soziale Arbeit gesehen werden: „Soziale Arbeit ist als rechtlich verankerte und zu einem großen Teil staatlich finanzierte Praxis deshalb möglich, weil in gesellschaftlichen Konflikten Regelungen durchgesetzt und Institutionen etabliert werden konnten, die die Reichweite des Kapitalismus innerhalb der Gesellschaft begrenzen“ („Soziale Arbeit und gesellschaftliche Konflikte. Thesen zu einer Positionsbestimmung,“ in: Rita Braches-Chyrek & Heinz Sünker (Hrsg.), Soziale Arbeit in gesellschaftlichen Konflikten und Kämpfen (Wiesbaden: Springer VS 2017), 76) Implizit bezieht er sich hier einerseits auf Karl Polanyis Einsicht, daß eine dauerhafte Entgrenzung eine annähernd menschenwürdige Existenz in einer kapitalistischen Gesellschaft für breite Massen verunmöglichen würde (The Great Transformation, New York: Farrar & Rinehart 1944, 177) – andererseits verweist er hier, ebenso implizit, auf die Idee der Sphären der Gerechtigkeit nach Michael Walzer, die angesichts der beobachtbaren gesellschaftlichen Realität, daß in verschiedenen Lebensbereichen und bezogen auf verschiedene Güter verschiedene Prinzipien der Verteilung als mehr oder weniger legitim gesehen werden – also eine komplexere und sozialwissenschaftlich informiertere Weise, „soziale Gerechtigkeit“ unter einem Vorzeichen „komplexer Gleichheit“ zu denken (Spheres of Justice: A Defence of Pluralism and Equality (Oxford: Martin Robertson 1983))

[37] „Indem das Geld überhaupt keine Beziehung zu irgend einem einzelnen Zweck hat, gewinnt es eine solche zu der Gesamtheit der Zwecke. Es ist dasjenige Werkzeug, in dem die Möglichkeit der nicht vorausgesehenen Verwendungen auf ihr Maximum gekommen ist und das dadurch den maximalen, auf diese Weise überhaupt erreichbaren Wert gewonnen hat. Die bloße Möglichkeit unbegrenzter Verwendung, die das Geld wegen des absoluten Mangels an eigenem Inhalt nicht sowohl hat als ist, spricht sich positiv darin aus, daß es nicht ruhen mag, sondern wie von sich aus fortwährend zum Verwendetwerden drängt.“ (Georg Simmel, Philosophie des Geldes, (Frankfurt am Main 1989: Suhrkamp), 267) Daß gerade zu dieser neben und vor der sozialpädagogischen Begleitung materielle Umverteilung unerläßlich ist, ist nicht nur aus theoretischen Vorlagen wie Georg Simmels Philosophie des Geldes abzuleiten, sondern auch aus empirischer Evidenz, die einen unmittelbaren Autonomisierungseffekt der Zuteilung finanzieller Mittel zeigt. (s. z.B. Sandra Bohmann, Susann Fiedler, Maximilian Kasy, Jürgen Schupp & Frederik Schwerter, “Cash Transfers, Mental Health and Agency: Evidence from an RCT in Germany,” CESifo Working papers 11989, July 2025, 17.).

[38] “Aristotle argues that a theory of good political arrangement requires and rests upon a theory of the good human life: ‘For it is appropriate, if people are governed best (arista politeuomenois) that they should do best (arista prattein), insofar as their circumstances admit – unless something catastrophic happens’ (1323a17-19). In other words it is a criterion of best-ness for a political arrangement that the people involved should function best: and best, not absolutely, but best insofar as their circumstances permit. […] I think that the qualification – which occurs also at 1325a2 ff. – is meant to take care of the obvious fact that one and the same arrangement might have different degrees of success in different material circumstances. And it would still be counted best, provided that it secured to the people involved a good life up to the maximum permitted by circumstances. A just scheme of food distribution will not bring about full health for all in any and every contingency; and the very same just arrangement will clearly do better from the point of view of human functioning in a naturally affluent part of the world than in a poor one. Aristotle is saying that it will still count as the best arrangement, provided that it brings the people as close to good functioning as their natural circumstances permit.” Martha C. Nussbaum, “Nature, Function, and Capability: Aristotle on Political Distribution,” WIDER Working Paper 31 (Helsinki: World Institute for Development Economics of the United Nations University 1987), 4sq.

[39] Die von Aristoteles einer egalitäreren „arithmetischen“ Verteilung entgegengehaltene geometrische, benevolent-aristokratische taucht auch in den Diskursen  hin und wieder auf und wird kurzerhand zu einem der qualitativen, personenzentrierten Bedarfsgerechtigkeit umgedeutet, so zum Beispiel bei Hans-Uwe Otto und Mark Schrödter: „Während die Tauschgerechtigkeit also nach dem Verhältnis der Sachen zueinander fragt (arithmetische Verhältnisgleichheit), bemisst sich die Verteilungsgerechtigkeit nicht bloß an den Sachwerten, sondern bezieht auch die persönlichen Verhältnisse und die Eigenschaften der Person mit ein (geometrische Verhältnisgleichheit).“ („Befähigungs- und Verwirklichungsgerechtigkeit im Post-Wohlfahrtsstaat,“ in: Fabian Kessl & Hans-Uwe Otto (eds.): Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat? Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven (Weinheim: Juventa 2009), 176sq.). Die Idee der „geometrischen Gerechtigkeit“ ist aus professionspolitischer Perspektive natürlich auch deswegen besonders attraktiv, weil hier Expertise mit einem Blick auf die Gesamtsituation der Betroffenen gefragt ist – eine Expertise die eher der Sozialen Arbeit als der Sozialverwaltung zuzuschreiben wäre. Allerdings geht aus Aristoteles‘ Nikomachischer Ethik [1131b] recht eindeutig hervor, daß die Verteilung weniger den Bedürfnissen (auch nicht der Optimierung der Verwirklichungschancen) „angemessen“ sein soll, sondern dem „Wert“ der Empfangenden. Die zugrundeliegende „Geometrie“ ist der Strahlensatz – und aus diesem folgt dann beispielsweise, daß, wenn es Land zu verteilen gibt, der Besitzer von 100 Hektar zehn, der von 1000 Hektar hundert neue Hektar zugeteilt bekäme, damit die Proportionalität zwischen den beiden nicht gestört wird (vorausgesetzt, die Ausgangssituation gilt schon als „gerecht“ – in der gerechtigkeitsprofessionellen Sozialarbeitstheorie werden die bestehenden Eigentumsverhältnisse nicht als grundsätzlich hinterfragenswert gesehen… es geht also tatsächlich um jene durch Unterschichtung mittels Arbeitsmigration ermöglichten „Fahrstuhleffekte,“ welche die Sozialstruktur der alten Bundesrepublik zu Wirtschaftswunderzeiten kennzeichneten (zur Legitimations- bzw. Konfliktreduktionsfunktion desselben und deren Grenzen siehe Stephan Voswinkel, „Was wird aus dem ‚Fahrstuhleffekt‘? Postwachstum und sozialer Aufstieg,“ Working Paper der DFG-KollegforscherInnengruppe Postwachstumsgesellschaften, Nr. 08/2013, Jena 2013) Die sozialkonservative Grundtendenz der aristotelischen Verteilungsgerechtigkeit wird auch im Schrecken des Philosophen vor den potentiell disproportionalen Distributionswirkungen einer geldbasierten Marktwirtschaft deutlich – weswegen er hier nicht nur zur Vermeidung von Verarmung sondern auch von unangemessenen Aufstiegen auf einer strengen Preiskontrolle besteht. [1133a-b] (s. dazu Karl Polanyi, “Aristotle Discovers the Economy,” in Karl Polany, Conrad M. Arensberg & Harry W. Pearson (Hrsg.) Trade and Market in the Early Empires  (NewYork: The Free Press, 1957), 64–94.

[40] wie sie sich bei Bourdieu aus dem gleichmäßig verteilten Energieaufwand in der Konkurrenz sozialer Gruppen ergibt, Pierre Bourdieu, La distinction. Critique sociale du jugement (Paris: Les Éditions de Minuit 1979), 108

[41] “Jedem das ihm Zustehende” als Faustformel, welche in vielen der sozialpädagogischen Texte aus dieser Schule zum Motto und Ausgangspunkt gewählt wird – so auch in Otto & Schrödter 2009, loc. cit. 173

[42] Bei Martha Nussbaum hallt dies insofern nach, als daß sie schon in der ersten Fassung eins klarmacht: es geht hier darum schon vorhandene Fähigkeiten zur Entfaltung kommen zu lassen – Ausgangspunkt sind die persönlichen Voraussetzungen, deren eigene soziale Bedingtheit nicht weiter hinterfragt wird. Der Ansatz resoniert hier nicht nur von der nur scheinbar zufällig ähnlich benannten Theorie der funktionalen Ungleichheit (Kingsley Davis & Wilbert E. Moore, Some Principles of Stratification, American Sociological Review 10 no. 2 (1945), 242-249). Die Kritik an letzterer, daß die Plastizität menschlicher Fähigkeiten massiv unterschätzt werde, trifft auch de neo-aristotelische Theorie von den Functions and Capabilities. (Renate Mayntz, „Kritische Bemerkungen zur funktionalistischen Schichtungstheorie,“ in: David Victor Glass & René König (Hrsg.), Soziale Schichtung und soziale Mobilität (Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 5) (Köln: Westdeutscher Verlag 1974), 10-28)

[43] „Über die gesellschaftliche Funktion kann das Proprium von Professionen nicht bestimmt werden, weil eine bestimmte Funktion von verschiedenen sozialen Systemen erfüllt sein kann. Medizin ebenso wie Pädagogik und Soziale Arbeit können der Steigerung des Wohlbefindens, der Wiederherstellung der Fähigkeit zur Rollenerfüllung oder allgemeiner: der Restitution der Autonomie der Lebenspraxis dienen. Alle diese Professionen können Menschen dazu verhelfen, ihre Vorstellung vom guten Leben zu verwirklichen und Glückseligkeit zu finden. Auf der anderen Seite dienen auch Psychotherapie, Medizin und Schule der ordnungsstiftenden Befriedung der Bevölkerung, der Aufrechterhaltung einer Reservearmee für den Arbeitsmarkt, der Kontrolle von Abweichung oder der Aufrechterhaltung und Innovation der Formalstrukturen der Gesellschaft und bewältigen deren Reproduktionsprobleme.“ Mark Schrödter, „Soziale Arbeit als Gerechtigkeitsprofession. Zur Gewährleistung von Verwirklichungschancen,“ neue praxis 37, no.1 (2007), 7.

[44] in: Hans-Uwe Otto, Hans Thiersch, Rainer Treptow & Holger Ziegler (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit. Grundlagen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik (München: Ernst Reinhardt 20186), 523.

[45] Während bei Marx die Formel „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ an den (durchaus auch eudämonisch gedachten) Beitrag durch Arbeit und eine damit einhergehende Selbst-Verwirklichung mitschwingt, ist hier die Befriedigung der Bedürfnisse noch gleichberechtigt mitrepräsentiert. In einem Rückbezug auf Aristoteles wird die Glückserwartung jedoch vollständig an die Arbeit gehängt. Eine Anknüpfung an die das „abendländische Denken“ prägende Hauptlinien der Philosophie ist eng verwoben mit dem der christlichen Tradition einwohnenden Antihedonismus (der schon bei Platon, aber dann trotz aller Differenzen auch bei seinem Schüler Aristoteles fest verankert ist). Nicht von ungefähr lagen die Präferenzen des humanistisch geschulten Karl Marx anders – er favorisierter bekanntermaßen den Hedonisten Epikur, über dessen Werk er seine Dissertation schrieb. Letzten Endes kaschiert und affirmiert der Bezug auf die capabilities schlicht den von der neomarxistischen Kritik herausgestellten Funktionsbezug Sozialer Arbeit und hintergeht daher real vorliegender humanitärer und politischer Motive der Mitglieder der Profession: „Ausgangspunkt der Sozialarbeit ist damit der Klient, ‚der eine oder mehrere von ihm geforderten sozialen Rollen nicht erfüllen kann oder will‘. Ziel der Sozialarbeit muß es deshalb sein, ‚den Klienten „rollentüchtiger“‘ zu machen. Dieser pragmatische Zweck der Sozialarbeit, den Klienten in die bestehende Gesellschaft zu reintegrieren (resozialisieren), wird so nüchtern freilich nicht beschrieben, sondern vielmehr innerhalb des Leitbilds vom demokratischen und sozialen Rechtsstaat dargestellt.“ (Walter Hollstein, „Sozialarbeit im Kapitalismus. Themen und Probleme,“ in: Walter Hollstein & Marianne Meinhold (Hrsg.): Sozialarbeit unter kapitalistischen Produktionsbedingungen (Frankfurt am Main: Fischer 1973), 11sq.)

[46] In dieser Hinsicht ist die Idee einer Gerechtigkeitsprofession „ideologisch,“[46] bzw. präziser „mythologisch“ im Sinne Claude Lévi-Strauss: als Versuch, in der Realität unversöhnliche Widersprüche über eine Erzählung zu vermitteln. („The Structural Study of Myth,” Journal of American Folklore 68, no.270 (1955), 429). In der Wahl einer Gerechtigkeitstheorie, die sich über Begriffe wie capabilities und functioning leicht an in der Sozialen Arbeit übliche Orientierungspunkte wie „Ressourcen“ und „Empowerment“ anschließen läßt schichtet sich diese „mythische“ Fassung gut in eine Mythologie der Sozialen Arbeit ein, die es wert wäre, in ihrer Gesamtheit kartiert zu werden (v.a. da wir heute nicht mehr, wie von Lévi-Strauss noch antizipiert, auf IBM-Lochkarten angewiesen wären). In einer solchen Mythologie hätten Sozialarbeiter*innen als Professionelle eine ähnlich widersprüchlich-mystische Zwischenposition wie die Raben und Koyoten in den von Lévi-Strauss analysierten nordamerikanischen Trickster-Mythen inne. Ferner legt das über die capabilities als Paket mitgekaufte functioning einen hier nicht weiterverfolgten „Ideologieverdacht“ hinsichtlich der Legitimierung des unter der Parole des „Fördern und Fordern“ agierenden „aktivierenden“ Sozialstaats nahe (Stefan Lessenich, „Der Arme in der Aktivgesellschaft – zum sozialen Sinn des ‚Förderns und Forderns‘,“ WSI-Mitteilungen 4/2003, 214-220) In der Deklaration einer Autonomisierung, welche unweigerlich auch auf Aktivierung hinausläuft, gelingt dem sozialpädagogischen Capabilities-Ansatz die Quadratur des platonisch-aristotelischen Kreises: Über das Insistieren der Umsetzung von Fähigkeiten in functioning – Leistung/Arbeit ἔργον, wird der im Vergleich zu den platonischen Kulturheroen Demiourgos und Eros gemächliche und auf Mäßigung und Mittelmaß zielende Aristotelismus zur produktionistischen Anstrengungsideologie umgedeutet, während der Anspruch auf eine bessere (oder gar ideale) Gesellschaftsordnung, wie er noch bei Platon zu finden war, verschwindet.

[47] Im Kontext der Sozialen Arbeit als ein „stets gefährdetes Gleichgewicht zwischen den Rechtsansprüchen, Bedürfnissen und Interessen des Klienten einerseits und den jeweils verfolgten sozialen Kontrollinteressen seitens öffentlicher Steuerungsagenturen andererseits“ (Lothar Böhnisch & Hans Lösch. „Das Handlungsverständnis des Sozialarbeiters und seine institutionelle Determination,“ in: Hans-Uwe Otto & Siegfried Schneider (eds.): Gesellschaftliche Perspektiven der Sozialarbeit. Zweiter Halbband (Neuwied: Luchterhand 1973), 28)

[48] Talcott Parsons, The Social System (Glencoe, Ill.: The Free Press 1951), 430

[49] Uta Gerhard, Gesellschaft und Gesundheit. Begründung der Medizinsoziologie (Frankfurt am Main: Suhrkamp), 175

[50] Entgegen der von Regine Gildemeister (“Soziologie der Sozialarbeit,“ in: Hermann Korte & Bernhard Schäfers (Hrsg.): Einführung in Spezielle Soziologien (Opladen: Leske + Budrich 1993),  62) für die soziologische Sozialarbeitstheorie kanonisierten Luhmannschen Sicht Behauptung, in “organisierter Hilfe” würden von  Adressat*innen keine Gegenleistungen erwartet, baut Soziale Arbeit  selbstverständlich auf Reziprozitäten auf, in denen auch sehr unterschiedliche und teilweise widersprüchliche Erwartungen dennoch auch aufeinander im Sinne einer Gegenseitigkeit bezogen bleiben (bspw. mit Bezug auf die Bewährungshilfe s. Jeanette Lore Pohl, “Professionelle Beziehungsgestaltung zwischen Hilfe und Kontrolle: Eine Exploration der Perspektiven aus der Bewährungshilfe,“ Bewährungshilfe 71, no.1 (2024), 33-47) – davon, daß die meisten Bereiche der Sozialen Arbeit nicht nur mit Begriffen wie “Kontrakt”, “Vertrauen” etc. operieren, sondern das Sozialgesetz den Klient*innen auch noch explizite “Mitwirkungspflichten” (allgemein §§ 60 ff. SGB I – mit Widerhall in den folgenden Sozialgesetzbüchern) auferlegt ganz zu schweigen. 

[51] Talcott Parsons, Social Structure and Personality (Glencoe: Free Press 1964), 268

[52] Zu den Parallelen in den Beobachtungen Parsons’ und Michel Foucaults in dieser Hinsicht s. Monica Greco, “Psychosomatic Subjects and the ‘Duty to Be Well’: Personal Agency within Medical Rationality,” Economy & Society 22, no.3 (1993), pp.357-72

[53] Thomas  Lemke, „Neoliberalismus, Staat und Selbsttechnologien. Ein kritischer Überblick über die governmentality studies,“ Politische Vierteljahresschrift 41, no.1 (2000), 38.

[54] Bommes und Scherr (loc. cit., 499) verweisen auf Günther Bittners Invokation der frühsowjetischen Sozialpädagogik Makarenkos zur Kritik der Vorstellung einer reziprozitätsfreien Autonomie ohne soziale Bindung („Der Mensch – ein ‚Geschöpf des Vertrages‘. Zur Begründung von Sozialpädagogik,“ Zeitschrift für Pädagogik 31, no. (1985), 616sq.)

[55] Matthias Zick Varul, „Talcott Parsons, the Sick Role and Chronic Illness,” Body & Society 16, no.2 (2010), 75

[56] Hier ist korrigierend anzumerken, daß der Begriff so bei Marx nicht vorkommt – dieser kennt „abstrakte Arbeit,“ aber Arbeitskraft ist immer konkret (wie ihre Realisierung in Arbeit) und wird als abstrakte erst in der Geldvermittlung erkennbar. Im Gesundheitsdiskurs zeigt sich dann aber eben doch die dieser abstrakten Arbeit korrespondierende abstrakte Arbeitskraft.

[57] Denn „alles, was das (Alltags-)leben and Problemen hergibt, kann zum Gegenstand sozialpädagogischer Intervention werden […] insofern (a) die ‚gewachsenen‘ Ressourcen des sozialen Bedarfsausgleichs nicht ausreichen, die ‚Problemlage‘ aus eigener Kraft zu bewältigen und (b) das Problem im öffentlichen und politischen Diskurs als bearbeitungswürdiges Problem wahrgenommen und anerkannt wird.“ Michael Galuske, „Methoden der Sozialen Arbeit,“ in: Hans-Uwe Otto, Hans Thiersch, Rainer Treptow & Holger Ziegler (Hrsg.). Handbuch Soziale Arbeit (München: Ernst Reinhardt 2018), 995

[58] Weshalb im aktivierenden Sozialstaat die protektive oder konzessiv eingesetzte teilweise Dekommodifizierung durch eine nicht nur aber auch durch Soziale Arbeit vorangetriebene Rekommodifizierung komplementiert wird. Eva Nadai, „Sisyphus‘ Erben. Soziale Arbeit in der Armutsbekämpfung,“ in: Fabian Kessl & Hans-Uwe Otto (Hrsg.): Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat. Zeitdiagnosen, Problematisierungen und Perspektiven (Weinheim: Juventa 2009), 133-127

[59] Oder in der ursprünglichen Formulierung bei Karl Marx: „Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer also den freien Arbeiter auf dem Weltmarkt vorfinden, frei in dem Doppelsinn, daß er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, daß er andererseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.“ Karl Marx, Das Kapital: Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band (Marx Engels Werke 23), (Berlin: Dietz 1962), 183

Suggestiv ist hier zweierlei. Zum einen, daß wir hier just jene Freiheit benannt sehen, auf die soziale Dienstleistungen unter dem Banner des „Förderns und Forderns“ idealerweise  hinsteuert – die Wiederherstellung der Freiheit (und Bereitschaft), eine nachgefragte Arbeitskraft zu Markte zu tragen. Um anderen haben wir hier auch eine Legitimationsgrundlage für den staatlich sanktionierten und finanzierten unterstützenden Eingriff und die vorübergehende Entkommodifizierung zum Zwecke des Erfolgs dieses Eingriffs in der kapitalistischen Angewiesenheit auf freie Arbeit.

[60] Lothar Böhnisch & Hans Lösch. „Das Handlungsverständnis des Sozialarbeiters und seine institutionelle Determination,“ in: Hans-Uwe Otto & Siegfried Schneider (eds.): Gesellschaftliche Perspektiven der Sozialarbeit. Zweiter Halbband (Neuwied: Luchterhand 1973), 29.

[61] Professionspraktisch problematisch ist das, weil damit die Möglichkeit einer solidarischen Parteilichkeit, die das „doppelte Mandat“ nur in dem Maße akzeptiert, wie konkrete rechtliche Vorgaben existieren und das entsprechend transparent macht, vergeben wird – und damit in einer aus Sicht der Klient*innen nicht eben vertrauenserweckenden Position der beliebigen „Intermediarität“ resultiert: „Die Position der ‚Intermediarität‘ mit dem Auftrag eines Interessenausgleichs zwischen ‚Individuum und Gesellschaft‘ markiert schließlich einen Entwicklungspunkt, mit dem die Abkehr vom Selbstverständnis der solidarischen Parteilichkeit und die Wiedereinführung des Hilfebegriffs in den disziplinären Diskurs vollzogen sind. Diese Position definiert sich über eine normative Orientierung am „Allgemeinwohl“. Diese Norm ermöglicht in der Abstraktion Interventionen als letztlich irgendwie immer im Interesse und zum Wohle der Klienten werten zu können, solange sie an gängigen Normalitätserwartungen ausgerichtet sind.“ Falko Müller, „Von der Kritik der Hilfe zur ‚Hilfreichen Kontrolle‘. Der Mythos von Hilfe und Kontrolle zwischen Parteilichkeit und Legitimation,“ in: Roland Anhorn, Frank Bettinger, Cornelis Horlacher & Kerstin Rathgeb (Hrsg.): Kritik der Sozialen Arbeit – kritische Soziale Arbeit: Perspektiven Kritischer Sozialer Arbeit (Wiesbaden: Springer VS 2012), 143

[62] „Idéologie et appareils idéologiques d’État (Notes pour une recherche),“ in: Louis Althusser: Positions (Paris: Éditions sociales 1976), 93

[63] Nancy DiTomaso, “‘Sociological Reductionism’ From Parsons to Althusser: Linking Action and Structure in Social Theory,” American Sociological Review 47, no.1 (1982), 14-28

[64] An welchen sich Parsons weit enger anlehnt also Robert K. Merton (Philippe Besnard, L’Anomie, ses usages et ses fonctions dans la discipline sociologique depuis Durkheim (Paris : Presses Universitaires de France 1987), 101)

[65] Émile Durkheim, De la division du travail social (Paris : Presses Universitaires de France 1930 [1893]), 343sqq.

[66] Émile Durkheim, De la division du travail social (Paris : Presses Universitaires de France 1930 [1893]), 378.

[67] Für einen in seiner Knappheit sehr umfassenden Überblick s. Thomas Weber, „Basis,“ in: Wolfgang Fritz Haug (Hrsg.): Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Band 2: Bank bis Dummheit in der Musik (Hamburg: Argument 1995), 28-49. Für einen ersten skizzenhaften Versuch der „Umschiffung“ s. Matthias Z Varul, „13 Theses on a Para-Marxist salvage of the Base/Superstructure Theorem,“ 2024 Typoscript available under DOI 10.13140/RG.2.2.11147.91688

[68] Karl Marx, „Zur Kritik der Politischen Ökonomie,“ Marx Engels Werke, Band 13, (Berlin: Dietz 1985 [1859]), 8sq. Diese Bestimmung ist schon allein durch Marx’ Unterscheidung von “produktiver“ und nicht produktiver Arbeit am Kriterium der Mehrwertproduktion ad absurdum zu führen, da diese hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Funktionalität äquivalente Tätigkeiten mal an die Basis, mal in einen Überbau verlegt, wie etwa an einer Tätigkeit, die für Louis Althusser zentral für jenes Überbausegment ist, welches er – egal ob öffentlich oder mehrwertproduzierend privat – den „appareils idéologiques d’Etat“ zuschlägt, innerhalb derer sie gemeinsam „(le système des différentes « Ecoles », publiques et privées)“ bilden. („Idéologie et appareils idéologiques d’État (Notes pour une recherche),“ in: Louis Althusser: Positions (Paris: Éditions sociales 1976), 96). Karl Marx differenziert hier eindeutig: „Der Arbeiter produziert nicht für sich, sondern für das Kapital. Es genügt daher nicht länger, daß er überhaupt produziert. Er muß Mehrwert produzieren. Nur der Arbeiter ist produktiv, der Mehrwert für den Kapitalisten produziert oder zur Selbstverwertung des Kapitals dient. Steht es frei, ein Beispiel außerhalb der Sphäre der materiellen Produktion zu wählen, so ist ein Schulmeister produktiver Arbeiter, wenn er nicht nur Kinderköpfe bearbeitet, sondern sich selbst abarbeitet zur Bereicherung eines Unternehmers. Daß letztrer sein Kapital in einer Lehrfabrik angelegt hat und nicht in einer Wursfabrik, ändert nichts an dem Verhältnis. Der Begriff des produktiven Arbeiters schließt daher keineswegs bloß ein Verhältnis zwischen Tätigkeit und Nutzeffekt, zwischen Arbeiter und Arbeitsprodukt ein, sondern auch ein spezifisch gesellschaftliches, geschichtlich entstandnes Produktionsverhältnis, welches den Arbeiter zum unmittelbaren Verwertungsmittel des Kapitals stempelt. Produktiver Arbeiter zu sein ist daher kein Glück, sondern ein Pech.‘  (Das Kapital: Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band (Marx Engels Werke 23), (Berlin: Dietz 1962), 532

[69] Was Albert Scherr aus „der Perspektive einer nicht-marxistischen, differenzierungstheoretisch angelegten Gesellschaftstheorie“ ankreidet, ist mittlerweile auch bei sich positiv auf marxistische Theorietradition beziehenden Sichtweisen Konsens. Es stellt „eine – zweifellos unbeabsichtigte – Verharmlosung dar, wenn angenommen wird, dass allein, oder jedenfalls primär, die Struktur und Dynamik der kapitalistischen Ökonomie Kapitalismus als Ursache der Probleme der Gegenwartsgesellschaft relevant ist. Denn darüber hinaus sind gesellschafsstrukturell verankerte Problemlagen in Rechnung zu stellen, die aus der Struktur funktionaler Differenzierung sowie aus der Eigengesetzlichkeit und Eigendynamik anderer gesellschaftlicher Teilbereiche resultieren.“ („Reflexive Kritik. Über Gewissheiten und Schwierigkeiten kritischer Theorie, auch in der Sozialen Arbeit,“ in: Roland Anhorn, Frank Bettinger, Cornelis Horlacher & Kerstin Rathgeb (Hrsg.): Kritik der Sozialen Arbeit – kritische Soziale Arbeit (Wiesbaden: Springer VS 2012), 117sq.)

[70] Michael Bommes & Albert Scherr, Soziologie der Sozialen Arbeit. Eine Einführung in Formen und Funktionen organisierter Hilfen (Weinheim: Beltz Juventa 2000), 40sqq.

[71] Ein Effekt, welcher mit Bezug auf die aus neoklassischer Perspektive als kontraproduktive Gängelung der Volkswirtschaft erscheinende hohe Regelungs- und Beteiligungsdichte in des westdeutschen Kapitalismus der zweiten Jahrhunderthälfte von Wolfgang Streeck als unbeabsichtigt produktive Zwänge analysiert wurde (Wolfgang Streeck, „Beneficial Constraints: On the Economic Limits of Rational Voluntarism,” in: J. Rogers Hollingsworth & Robert Boyer (eds.): Contemporary Capitalism: The Embeddedness of Institutions (Cambridge: Cambridge University Press 1997), 197-219). Mark Schrödter reklamiert für die Soziale Arbeit entsprechend zurecht, daß die Intention und Motivation nicht aus der Funktion abzuleiten ist, denn „sie erfüllt zwar die Funktion, Abweichungen zu normalisieren und gesellschaftliche Konflikte zu befrieden, aber das ist nicht ihr selbstgesetzter Zweck. Die Soziale Arbeit mag also viele Funktionen erfüllen, die nicht ihrem gesellschaftlichen Auftrag entsprechen. Soziale Arbeit mag viele Funktionen erfüllen, ohne diese als Zwecke zu verfolgen.“ (Soziale Arbeit als Gerechtigkeitsprofession. Zur Gewährleistung von Verwirklichungschancen,“ neue praxis 37, no.1 (2007), 6sq.) Man könnte ergänzen, daß sie diese Funktionen gar nicht erfüllen könnte, wenn sie von der Intention her auf Normalisierung ausgerichtet wäre.

[72] Karl Marx’s Theory of History: A Defence (Oxford: Clarendon 1978), 160sqq.

[73] “… we must set forth a major theorem of functional analysis; ; just as the same item may have multiple functions, so may the same function be diversely fulfilled by alternative items. Functional needs are here taken to be permissive rather than determinant, of specific social structures.” (Robert K. Merton, “Manifest and Latent Functions. Toward the Codification of Functional Analysis in Sociology,” in: Robert K. Merton: Social Theory and Social Structure (New York: Free Press 1968), 73-138, 87sq.

[74] Marxism and Literature (Oxford: Oxford University Press 1977), 84-87

[75] “In itself and without remainder, everyday life is objectification. That is to say, it is a process in which the person as subject ‘becomes externalized’ and in which externalized human capabilities proceed to live their own lives detached from their human source; wave-like, they undulate onwards in their own everyday life and in that of others in such a way that, if only at second-hand, they merge into and blend with the current of history, and thus take on objective value-content. For this reason, we can say that everyday life is the basis of the current of history. It is from the conflicts of everyday life that the greater conflicts of society in the mass are generated: answers have to be found to the questions thrown up in these conflicts, and no sooner are these settled than they reappear to re-shape and re-structure everyday life anew.’ (Everyday Life (London: Routledge & Kegan Paul 1984 [1970]), 47)

[76] Marxism and the Oppression of Women: Toward a Unitary Theory (New Brunswick NJ: Rutgers University Press 1983). Für einen zusammenfassenden Überblick s. Tithi Bhattacharya, “Mapping Social Reproduction Theory,” in: Tithi Bhattacharya (Hrsg.): Social Reproduction Theory, (London: Pluto Press 2017), 1-20

[77] “If what we commonly understand as the ‘economy’ is then merely surface, what is the secret that capital has managed to hide from us? That its animating force is human labor. As soon as we, following Marx, restore labor as the source of value under capitalism and as the expression of the very social life of humanity, we restore to the ‘economic’ process its messy, sensuous, gendered, raced, and unruly component, living human beings capable of following orders – as well as of flouting them.” Tithi Bhattacharya, “How Not to Skip Class: Social Reproduction of Labor and the Global Working Class,” in: Tithi Bhattachary (ed.): Social Reproduction Theory (London: Pluto Press 2017), 70. An Luhmann anschließende differenzierungstheoretische Perspektiven können wie gesehen, den Finger in die Wunde der marxistischen Tendenz zur Simplifikation über Haupt- und Nebenwidersprüche zu legen – ein Grund dennoch einen differenzierenderen Ansatz aus marxistischen Theorietraditionen heraus zu entwickeln liegt darin, daß über den die (umstrittene aber fast durchgehend erlebte) Einheit der Praxis getragen vom vergesellschafteten aber organisch je individuellen Menschen die verschiedenen Lebensbereiche, Erfahrungen, Wirkungsbereiche etc. nicht unter der Formel „Der Mensch mag für sich selbst oder für Beobachter als Einheit erscheinen, aber er ist kein System“ auseinanderdividiert und sie dann nur als „Irritationen“ oder „Interpenetrationen“ interagieren läßt. (Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie (Frankfurt am Main: Suhrkamp1987), 67sq.). Hier kontrastieren humanistische marxistische Perspektiven, welche menschliche Erfahrung und Praxis zu erfassen suchen (und sich dabei, wie hier Henri Lefebvre, durchaus auch einzugestehen bereit sind, daß die angestrebte Totalität eine unerreichbare bleiben muß): „‘Le rapport entre loisir et quotidienneté n’est pas simple : il y a entre ces deux termes à la fois unité et contradiction (donc rapport dialectique). On ne peut le réduire au simple rapport dans le temps entre « dimanche » et « tous les jours », représentés comme extérieurs et seulement différents. Le loisir – admettons ici sans examen le concept – ne se sépare pas du travail. Le même homme se repose ou se détend ou s’occupe à sa manière après du travail. Chaque jour, à la même heure, l’ouvrier sort de l’usine, l’employé du bureau. Chaque semaine, le samedi, le dimanche, appartiennent aux loisirs, avec la régularité du travail quotidien. Il faut donc concevoir une unité « travail-loisirs », parce que cette unité existe, et que chacun tente de programmer sa part de temps disponible en fonction de ce qu’est son travail – et de ce qu’il n’est pas. La sociologie doit donc étudier comment la vie des travailleurs comme tels, leur place dans la division du travail, et dans l’ensemble social, se « reflètent » dans les loisirs, ou du moins dans les exigences concernant les loisirs.” (Critique de la vie quotidienne I: Introduction (Paris: l’Arche Éditeur 1958), 38)

[78] Die Vorstellung, Arbeitskraft bzw. Arbeit selbst sei eine Ware und der darauf beruhende Handel am Arbeitsmarkt ist, gerade weil sie an die Arbeitenden im Wortsinn „organisch“ verbunden und damit eigentlich unveräußerlich ist, eine angestrengte soziale Konstruktion, wie Karl Polanyi pointiert festhielt: “The crucial point is this: labor, land, and money are essential elements of industry; they also must be organized in markets; in fact, these markets form an absolutely vital part of the economic system. But labor, land, and money are obviously not commodities; the postulate that anything that is bought and sold must have been produced for sale is emphatically untrue in regard to them. In other words, according to the empirical definition of a commodity they are not commodities. Labor is only another name for a human activity which goes with life itself, which in its turn is not produced for sale but for entirely different reasons, nor can that activity be detached from the rest of life, be stored or mobilized; land is only another name for nature, which is not produced by man; actual money, finally, is merely a token of purchasing power which, as a rule, is not produced at all, but comes into being through the mechanism of banking or state fi-nance. None of them is produced for sale. The commodity description of labor, land, and money is entirely fictitious.” (The Great Transformation, New York: Farrar & Rinehart 1944, 72).

[79] “In the abstract, capital is indifferent to the race, gender or abilities of the direct producer, as long as her or his labor power can set the pro-cess of accumulation into motion. But the relations of production, as we saw in the earlier section, are actually a concatenation of existing social relations, shaped by past history, present institutions, and state forms. The social relations outside of wage labor are not accidental to it but take specific historical form in response to it. For instance, the gendered nature of reproduction of labor power has conditioning impulses of the extraction of surplus value. Similarly, a heterosexist form of the family unit is sustained by capital’s needs for the generational replacement of the labor force” Tithi Bhattacharya, “How Not to Skip Class: Social Reproduction of Labor and the Global Working Class,” in: Tithi Bhattachary (ed.): Social Reproduction Theory (London: Pluto Press 2017), 87.

[80] In der autoritativen deutschen Version ist dieser Schematismus voll ausformuliert. In der für die Sensitivierung hinsichtlich intersektionaler Diskriminierungen und Privilegierungen mag die Kategorisierung durchaus hilfreich sein, aber die Weise der gegenseitigen Externalisierung der verschiedenen Kategorien begrenzt die übers rein Deskriptive hinausgehende historisch-genetische Analyse – mit Bezug auf die Hegelsche Logik spricht David McNally hier von einer „chemischen“ Denkweise, die zwar über einen reinen Mechanismus hinausginge, aber den dynamischen Bezug der unterschiedlichen Kategorien aufeinander als eine Reaktion sich zunächst rein äußerlich gegenüberstehender und dann in Verbindung gebrachter Elemente vorstellt. (David McNally, „Intersections and Dialectics: Critical Reconstructions in Social Reproduction Theory,” in: Tithi Bhattachary (ed.): Social Reproduction Theory (London: Pluto Press 2017), 100sq.) Gerade auch die in der empirischen Analyse sehr hilfreichen Systematisierung von intersektionaler Ungleichheitsforschung bei Gabriele Winker und Nina Degele verstellt, wenn über die Bestandsaufnahme hinaus durchgehalten, den Blick auf eine historisch-genealogische Perspektive im Gesamtkontext, wie sie McNally bspw. bei Angela Davis verwirklicht sieht. (Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten (Bielefeld: transkript 2009). Mit David McNally, der einen Rückbezug von Marx auf Hegels Wissenschaft der Logik herstellt, kann man im Zurückstutzen der „Teleologie“ des Weltgeistes die der menschlichen Arbeit (Marx) oder des working (Schütz), dann wird hier auch das dynamische Element anerkannt, welches die Kategorien und Klassifizierungen intersektionaler Strukturen der Ungleichheit von einer chemischen Reaktion der Mechanismen der Unterdrückung zwischen atomar, elementar oder molekülhaft gedachten Verbindungen zu Prozessen einer Praxis macht, in der sich Menschen zueinander verhalten und ihre Lebensinteressen (unterschiedlichster Frist, unterschiedlichster Richtung und unterschiedlichster Bewußtheitsgrade, unterschiedlichster Vernetzungsgrade etc.) verfolgen. Die Vorlage für eine Analyse der Teleologie der Arbeit findet sich bekanntlich im zweiten Teil von György Lukács‘ Ontologie des gesellschaftlichen Seins (Georg Lukács Werke Band 14, 2. Halbband (Neuwied: Luchterhand 1986) – wobei hier auch schon die Betonung eines Primats der Alltäglichkeit zu finden ist (ibid. p.25). McNally’s weiter auf Hegel’s Logik beruhender Vorschlag einer teleologischen Perspektive wiederum ist verbunden mit dem Insistieren einer lebendigen Totalität ein Weg zurück in einen substanzlogischen Funktionalismus, der hinter die Einsicht der notwendigen Gebundenheit von Zweckhaftigkeit an den individuellen Organismus (hierzu vgl. Helmuth Plessners Argumentation in Die Stufen des Organischen und der Mensch (Berlin: Walter de Gruyter 1975 [1928]), 290sqq.)

[81] Everyday Life (London: Routledge & Kegan Paul 1984 [1970]), xi

[82] Aus marxistischer Perspektive an Schütz’ Analyse der Strukturen der alltäglichen Lebenswelt ist natürlich zunächst der Fokus auf die Weise, wie in diesen eine hartnäckige Ausrichtung auf Kontinuität zu erkennen ist. Daraus zu schließen, eine Auseinandersetzung lohne für Kritische Theorie nicht, ist dennoch falsch. Im Gegenteil. Wie Benjamin Wannenmacher festhält: “Es ist davon auszugehen, dass Menschen bestimmte Begebenheiten, welche von kritischen Theoretikern und Theoretikerinnen als pathologisch eingestuft werden, einfach hinnehmen und keine Änderungsversuche wagen. Dies ist u.a. deshalb s, weil sie den gesellschaftlichen status quo für gegeben und unabänderbar halten. Sofern eine kritische Theorie beansprucht, aktiv die Gesellschaft ändern zu können, muss sie diesen Sachverhalt berücksichtigen. Dies kann getan werden, indem Alfred Schütz‘ Lebensweltanalyse als Erklärung für den Umstand, dass ein aktiver Eingriff in die Gesellschaft bislang ausgeblieben ist, zu Rate gezogen wird.“ („Alfred Schütz’ ‘Strukturen der Lebenswelt’ und Kritische Theorie – Auf der Suche nach Schnittstellen,“ in: Jochen Dreher (Hrsg.): Mathesis universalis – Die aktuelle Relevanz der „Strukturen der Lebenswelt“ (Wiesbaden: Springer VS 2021), 281)

[83] “Working, then, is action in the outer world, based upon a project and characterized by the intention to bring about the projected state of affairs by bodily movements. Among all the described forms of spontaneity that of working is the most important one for the constitution of the reality of the world of everyday life. As will be shown very soon, the wide-awake self integrates in its working and by its working its present, past and future into a specific dimension of time; it realizes itself as a totality in its working acts; it communicates with Others through working acts; it organizes the different spatial perspectives of the world of daily life through working acts.” (“On Multiple Realities,” in: Alfred Schütz, Collected Papers I: The Problem of Social Reality, (Den Haag: Martinius Nijhoff 1962), 211sq.)

[84] Dieser Arbeitsbegriff ist nicht über das Ausmaß des Schütz’schen working hinaus physiologisch-materialistisch: „Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit.“ Und er ist in der gleichen Weise wie Schütz‘ auf Weber aufbauender und phänomenologisch informierter Begriff „idealistische“: „Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er  sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war.“ (Das Kapital: Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band (Marx Engels Werke 23). Berlin: Dietz 1962 [1872]), 192 & 193

[85] „Für uns ist vor allem die Einsicht von Wichtigkeit, daß auch alle Entwürfe zukünftigen Handelns wesensmäßig auf ein vergangenes, abgeschlossenes Handeln gerichtet sind, daß also nicht der Handelnsablauf im Dauerstrom, sondern die als abgelaufen gesetzte und daher vom reflektierenden Blick erfaßbare Handlung phantasierend entworfen wird. Wir werden dieser eigentümlichen Denkform noch wiederholt begegnen und wollen ihr den Namen des Denkens modo futuri exacti geben..“ (Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt (Frankfurt am Main 1974), 80sq.)

[86] Hier ist darauf hinzuweisen, daß die oben erwähnte Kritik Habermas‘ an einem phänomenologischen Marxismus in dreifacher Weise hier nicht greift. Erstens richtet sie sich trotz des Bezugs auf den „späten Husserl“ dezidiert gegen einen an Heidegger orientierten philosophischen Marxismus, dem hier bewußt nicht gefolgt wird. Bei Schütz ist Fundamentalontologie gerade kein Anliegen, der besser als ein sich Husserlscher Terminologie zunutze machender weberianisch-nüchterner Sozialkonstruktivist zu charakterisieren wäre (zu diesem Ergebnis kommt Frank Welz in seiner Kritik der Lebenswelt (Opladen: Westdeutscher Verlag 1996), 143).  In der Ahistorizität der Fundierung der Begrifflichkeiten ist Schütz durch die klare Ausweisung der Abstraktion ebenso gerechtfertigt wie Marx in seiner grundlegenden Fassung der menschlichen Arbeit im Kapital.

[87] Paolucci, Gabriella: “‘Everyday Life’: A sui generis Ontology? Some Considerations about Agnes Heller’s Theory of Everyday Life,” in: Janos Boros & Mihaly Vajda (Hrsg.): Ethics and Heritage: Essays on the Philosophy of Agnes Heller (Pécs: Brambauer 2002), 108sqq.

[88] Ganz allgemein geht es hier um die von Norbert Elias als kritischen Punkt jedes Versuchs, „Alltag“ als Zentralbegriff zu fokussieren: die Definition dessen, was nun nicht Alltag sei. Gerade bei einer normativen Überhöhung oder einer Kritik des Alltags, zeigen sich die Schwierigkeiten meist in der Transzendenz – soweit daß „ohne ein einigermaßen klares Bild dieses jeweils implizierten, manchmal gelobten, manchmal gehaßten Nicht-Alltags kann man eigentlich nie recht verstehen, in welchem Sinne der Alltagsbegriff jeweils gebraucht wird.“ „Zum Begriff des Alltags,“ in: Kurt Hammerich & Michael Klein (Hrsg.): Materialien zur Soziologie des Alltags (Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Sonderheft 20) (Opladen: Westdeutscher Verlag 1978), 27

[89] Alfred Schütz & Thomas Luckmann, Strukturen der Lebenswelt (Neuwied: Luchterhand 1975), 26sqq.

[90] Für den bewußt, zweckhaft ablaufenden Teil der Alltagsaktivität spricht er von einer „prevalent form of spontaneity, namely working (a meaningful spontaneity based upon a project and characterized by the  intention of bringing about the projected state of affairs by bodily movements gearing to the outer world)” (“On Multiple Realities,” in: Alfred Schütz, Collected Papers I: The Problem of Social Reality, (Den Haag: Martinius Nijhoff 1962), 230)

[91] Strukturen der Lebenswelt (Neuwied: Luchterhand 1975), 190 sqq.

[92] Das soll keine theoretische Präferenz für den Weber-Schützschen Interllektualismus ausdrücken – im Gegenteil: der basale Modus wäre durch den praxeologischen Ansatz vollständiger zu fassen (s. Walter Bohnsacks kritische Aneignung von und Abgrenzung zu Alfred Schütz (Praxeologische Wissenssoziologie (Opladen: Barbara Budrich 2017), 36sqq. & 87sqq.), wobei er ihm trotz fehlendem Zugang zum „Atheoretischen“ hohe Präzision beim „Theoretischen“ konzediert (ibid., 15). In der Abgrenzung „basal“ und „superstrukturell“ ist aber die Linie gerade nicht zwischen „bewußt“ und „inkorporiert“ zu ziehen, da sonst alle Zweckhaftigkeit in eine Durchbrechung der Alltagsroutinen führen würde, bzw. der Begriff der „Routine“ erfahrungswidrig in seiner Gänze auf einen un- oder vorbewußten Flow zurückgestützt würde. Mit Bezug auf marxistische Theoriebildung bedeutete dies einen Rückschritt hinter grundlegende Klarstellungen wie sie bspw. von Maurice Godelier in seinen Betrachtungen zum „Materiellen“ und „Ideellen“ hinterlegt wurden. (L’idéel et le matériel. Pensée, économies, sociétés, (Paris: Fayard 1984))

[93] Welche aus der gleichen Richtung betrieben wird, wie die Gerechtigkeitsprofessionalität s. Bernd Dewe & Hans-Uwe Otto, „Reflexive Sozialpädagogik. Grundstrukturen eines neuen Typs dienstleistungsorientierten Professionshandelns,“ in: Werner Thole (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit: Ein einführendes Handbuch, (Wiesbaden: Springer VS 2012), 197-217

[94] Professionalisierung in praxeologischer Perspektive (Barbara Budrich 2020), 24

[95] Wirtschaft und Gesellschaft (Grundrisse der Sozialökonomik, III- Abt., 1. Hbbd.) (Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1921), 142sqq.

[96] Diese Perspektive ermöglicht, die Herausstellung der Reflexivität als Mittelpunkt sozialpädagogischer Professionalität mit dem Umstand zu versöhnen, daß der Alltag der Sozialarbeit sich gerade nicht in Dauerreflexion ergeht. Ein klassischer Problemfall sowohl des Basis-Überbau-Theorisierens wie auch der Kritik des Alltagsleben, das literarische Schaffen, wird so zur Scheinfrage. Das Schreiben eines Thomas Mann ist so in seiner Routiniertheit über lange Strecken nicht reflexiver als so manches andere Kunsthandwerk. Aber sofern das Ergebnis nicht fließbandhafte Klischee-Anreihungen sind, sondern Kunstwerke, die den Lesenden neue Perspektiven auf und Zugänge zu ihrer historischen Welt geben, dann ist diese Literatur von der Seite der sie Konsumierenden eben nicht nur „erbaulich,“ sie ist „überbaulich“ – superstrukturell. Nicht von ungefähr erkennt György Lukács in ihm mehr oder weniger einen Sozialpädagogen des deutschen Bürgertums, dessen  „Erzieher im Sinne der platonischen Anamnesis. Der Schüler soll das Neue in seiner Seele entdecken und lebendig werden lassen.“ (Thomas Mann, Berlin: Aufbau-Verlag 1953 [1949]), 30). Selbst wenn man in marxistisch-strukturalistischer Manier an der Theorie der Literatur als „Widerspiegelung“ festhält, die als spiegelloser Reflex die Produktionsverhältnisse aus welchem Grund auch immer ihre Überbau-Funktion als „ideologischer Staatsapparat“ erfüllt und tapfer den Kampf der dominanten Ideologie um die eigene Vorherrschaft führt (Étienne Balibar & Pierre Macherey, „Sur la littérature comme forme idéologique. Quelque hypothèses marxistes,“ Littérature 13 (1974), 29-48) – man muß sich fragen, was sie arbeitsteilig für die Basis als Alltag leistet, warum Menschen das Lesen zum Teil ihrer Alltagspraxis machen und in der Literatur Zuflucht, Orientierung, Ideen, etc. suchen. Ist der ideologische Auftrag und seine willige Ausführung schon auf der Seite literarischer Produktion kaum nachzuvollziehen, so ist das auf der Seite des Literaturkonsums noch weniger der Fall. In der vorgeschlagenen Reformulierung wird sowohl die Nachfrage einer seit den bürgerlichen Revolutionen (den politischen sowie den kulturellen) durch erhöhte Verantwortungszumutungen für die eigene Biographie fürs Individuum komplexer und brüchiger, anomieanfälliger, gewordenen Alltagswelt (Basis) verständlicher – und damit auch die stabilisierende Rolle des literarischen Überbaus in der Reproduktion – unter anderem auch – der symbolischen Dimensionen von Arbeitskraft.

[97] Noch bevor er die Begriffe „Basis“ und „Überbau“ verwendet charakterisiert Marx die Differenz als ein Phänomen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung – und nimmt dabei Bezug auf die klassische Profession schlechthin, das Priesteramt:

„Die Teilung der Arbeit wird erst wirklich Teilung von dem Augenblicke an, wo eine Teilung der materiellen und geistigen Arbeit eintritt. Von diesem Augenblicke an kann sich das Bewußtsein wirklich einbilden, etwas Andres als das Bewußtsein der bestehenden Praxis zu sein, wirklich etwas vorzustellen, ohne etwas Wirkliches vorzustellen – von diesem Augenblicke an ist das Bewußtsein imstande, sich von der Welt zu emanzipieren und zur Bildung der „reinen“ Theorie, Theologie, Philosophie, Moral etc. überzeugen. Aber selbst wenn diese Theorie, Theologie, Philosophie, Moral etc. in Widerspruch mit den bestehenden Verhältnissen treten, so kann dies nur dadurch geschehen, daß die bestehenden gesellschaftlichen Verhält|nisse mit der bestehenden Produktionskraft in Widerspruch getreten sind“ In einer Fußnote zum ersten Satz merkt er an: „Erste Form der Ideologien, Pfaffen, fällt zusammen“ (Karl Marx & Friedrich Engels, „Die deutsche Ideologie: Kritik der neuesten deutschen Philosophie in ihren Repräsentanten Feuerbach, B. Bauer und Stirner und des deutschen Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten“, in: Karl Marx Friedrich Engels Werke 3 (Berlin: Dietz 1962 [1845/6]), 31sq)

Wie abschätzig er sich auch über die Priester äußert – der Umstand, daß es sich hier um eine Arbeitsteilung handelt, in der eine geistige Tätigkeit ausdifferenziert wird, impliziert deren gesellschaftliche Nützlichkeit über eine bloß repressive oder ideologische Funktion hinaus. Sie impliziert weiterhin, daß diese nützliche Aktivität vor der Arbeitsteilung als Tätigkeit in den Alltag integriert gewesen sei, aber in einer Weise, die von einer Spezialisierung und Ausdifferenzierung einen Gewinn erwarten lassen hat.

[98] Ralf Bohnsack, Professionalisierung in praxeologischer Perspektive (Barbara Budrich 2020), 28

[99] „Diese Tendenz  wird exemplarisch an einigen Stellen der bisherigen Skizze des Alltags, des kognitiven Stiles der Praxis sichtbar:

1. In dem „empirischen“ Umgang mit der Realität, d.h. im Test des Handlungspotentials an den Kriterien Erfolg und Mißerfolg;

2. in der interaktiven Realisierung von Handlungsplänen, das heißt in der virtuellen Übernahme der Perspektive und Haltung der Handlungspartner: in der Intersubjektivität der Orientierung;

3. in der in den sozialen Deutungsmustern angelegten Fähigkeit zur Hypothesenbildung gegenüber der sozialen „Realität“, das heißt in der Fähigkeit, zwischen Deutung und Gedeutetem zu unterscheiden, sowie der Möglichkeit des Nebeneinanders von konkurrierenden Deutungen gegenüber einem zu Deutenden;

4. in dem der Inexplizitheit des Alltagswissens zugrunde liegenden Postulat der prinzipiellen Ausdrückbarkeit, das heißt in der Möglichkeit der expliziten Versprachlichung des Wissens.‘ (Auslegung des Alltags – Der Alltag der Auslegung (Frankfrut am Main: Suhrkamp 1992), 20sq.)

[100] Marxism and Literature (Oxford: Oxford University Press 1977), 84-87

[101] Eine von Karl Korsch etablierte Strategie, den deterministischen Eindruck der schnell und unüberlegt hingeworfenen Formulierung in der Kritik der politischen Ökonomie zu zerstreuen – dem Marxismus habe von der „sogenannten Theorie der Wechselwirkungen“ nichts zu lernen (Karl Marx (Leiden: Brill 2016 [1938]), 161

[102] Karl Marx, Das Kapital, (Berlin: Dietz 1962 [1872]), 192sqq.

[103] Letzteres – Erklärung sozialer Phänomene allein aus einem Selektionsprozeß heraus – ist der zentrale Schwachpunkt einer evolutionistischen Soziologie, wie sie von W. G. Runciman in die letzte Konsequenz durchdekliniert wird (The Theory of Cultural Evolution and Social Selection (Cambridge: Cambridge University Press 2009)). Trotz der (in ihrem Bezug uneingestandenen) Zugeständnisse an die evolutionstheoretische Kritik von Joseph Fraccia und R. C. Lewontin (“Does Culture Evolve?” History and Theory 38, no.4 (1999), 52-78 & “The Price of Metaphor,” History and Theory 44, no.1 (2005), 14-29) bleibt der zentrale Punkt, daß die richtungsgebende und Bedingungen setzende Rolle von Handlungsentwürfen und ihren Bezügen auf gesellschaftliche Wissensvorräte verneint und Intentionen und kulturelle Vorstellungen auf die eines genetisch-memetischen Zufallsgenerators reduziert werden.

[104] als Kernbestände einer „ideology of ‚professionalism‘“, die beinhaltet die Probleme einer Gesellschaft auf der Grundlage von in Bildungssystemen erworbenen Wissensbeständen von kompetent agierenden Professionellen lösbar seien und umgekehrt die professionelle Kompetenz nicht nur entsprechend zu honorieren sei, sondern auch zu einem funktionierenden Gemeinwesen beizutragen habe. (“The New Class Project” Theory and Society 6 (1978), 168sqq.)

[105] Professionalität im Wohlfahrtsstaat. Praxeologische Perspektiven auf den Umgang mit Kinderarmut in der Sozialen Arbeit (Weinheim: Beltz Juventa 2023). Die Studie ergibt noch innnerhalb der drei identifizierten Typen ein sehr ausdifferenziertes Bild. In der aus einer akademisch voreingenommenen Perspektive am „professionellsten“ anmutenden Typs I, beispielsweise zeigen sich unterschiedliche Zeithorizonte und unterschiedliche Grade von Wert- und Funktionsbezügen – doch bleibt als gemeinsames Merkmal eine „Orientierung an einer Gestaltung institutionell gebundener Wirklichkeitsräume innerhalb gesellschaftlicher Grundsätzlichkeiten.“ (ibid., 194), die in der Suche nach der „Herstellung eines gesellschaftlichen Gleichgewichts innerhalb institutioneller Praxis“ akzeptiert, „dass es in der Gesellschaft selbst nicht erreicht werden kann.“ (ibid., 194sq.)

[106] Während es durchaus auch klassistische Tendenzen eines Fokus auf ein Versagen von Eltern aus bestimmten Milieus gibt, so  finden sich auch Dekonstruktionen von solchen Annahmen, etwa in der Aussage einer Teilnehmenden: „da ist die Situation jetzt so wie sie ist und wenn uns das wichtig ist, dass diese Kinder die gleichen Chancen haben, dann müssen wir auch da ansetzen unabhängig von dem, was ihre Eltern so machen“ – gefolgt von einer Skandalisierung des Umstands, daß Deutschland als eines der reichsten Länder der Welt das Schicksal von Kindern an die finanzielle Situation der Eltern bindet. Regine Müller, Professionalität im Wohlfahrtsstaat. Praxeologische Perspektiven auf den Umgang mit Kinderarmut in der Sozialen Arbeit (Weinheim: Beltz Juventa 2023), 191

[107] Unter den vielen Items, die es bspw. nach Ursula Hochuli Freund und Walter Stotz zu bewerten gilt – von der Bewertung der eingesetzten analytischen Verfahren in der Bestimmung des Falls über den Ablauf und die Wirksamkeit der Intervention und den dabei erfolgten Interaktionen bzw. Kooperationen findet sich selbstverständlich auch die Frage der „Wünschbarkeit“ der Intervention überhaupt sowohl aus der Klient*innen-Perspektive als auch vor dem Hintergrund „gesellschaftlicher und fachlicher Standards“ – aber selbst hier steht der pragmatische Aspekt der capabilities, das functioning im Vordergrund, wenn diese Standards exemplifiziert werden („z.B. Normorientierung, Steigerung der Autonomie“).  (Kooperative Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit. Ein methodenintegratives Lehrbuch (Stuttgart: Kohlhammer 2017), 316)

[108]Alfred Schütz, Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt (Frankfurt am Main: Suhrkamp 1974 [1932]), 80 – dieses Kriterium für „rationales Handeln“ – die Vermittlung der Erreichung eines Handlungsziels durch das Einziehen von Zwischenzielen – ist im Vergleich zu anderen Fassungen in der weberianischen Theorietradition weit weniger ethnozentrisch und intellektualistisch. Es resoniert dennoch mit formalen Konzeptionen der Modernisierung wie die Georg Simmels, der die „Kulturentwicklung“ der „Verlängerung der teleologischen Reihen für das sachlich Naheliegende und Verkürzung derselben für das sachlich Fernliegende“ eng an die Entwicklung der (kapitalistischen) Geldwirtschaft geknüpft sah. (Philosophie des Geldes (Frankfurt am Main: Suhrkamp 1989 [1900]), 261)

[109] Wie schon angedeutet zeichnet hier die Studie Regine Müllers ein sehr breites und differenziertes Bild. Daß victim blaming sich auf subtile und für die Beteiligten kaum oder nicht wahrnehmbare Weise einschleichen kann, wird am Beispiel der Arbeit mit Geflüchteten deutlich. Martina Tißberger, „Soziale Arbeit als weißer* Raum – eine Critical Whiteness Perspektive auf die Soziale Arbeit in der postmigrantischen Gesellschaft,“ Soziale Passagen 12 (2000), 95-114 

[110] Jenseits der professionellen Rolle liegt das partei- oder bewegungspolitische Engagement. Der relative hohe Anteil von Sozialarbeiter*innen und anderen sozialen Berufen unter den Abgeordneten und Kandidat*innen der Partei Die Linke ist hier indikativ. Von den 64 Fraktionsmitgliedern im Bundestag beispielsweise sind sieben Sozialarbeiter*innen oder -pädagog*innen. Auch besteht die Option, die professionelle Rolle tatsächlich in eine solidarische umzudeuten in einer Weise, die Aspirationen auf offiziell anerkannte Professionalität hinter sich läßt, um auf die Abschaffung der eigenen Beruflichkeit durch die die revolutionäre Abschaffung ihrer Notwendigkeit durch solidarische Praxis zu erreichen – d.h. durch ein abolitionistisches Programm (z.B. Kassandra Frederique, “Is Social Work Obsolete?” in: Mimi E. Kim, Cameron W. Rasmussen & Durrell M. Washington Sr. (eds.): Abolition and Social Work (Chicago, Ill.: Haymarket Books 2024), 50-55.)

Ein Umschlagen von professioneller Motivation zu revolutionärer Praxis wäre nicht ohne Vorläufer. Gerade auch die klassischen Professionen (Theologie, Recht und Medizin) waren immer auch Ausgangspunkte für revolutionäre Politik. Bekannt ist die oft zitierte Reflexion Ernesto Che Guevaras, er sei auf seiner Tour durch Lateinamerika zur Einsicht gelangt, daß medizinische Praxis in einem krankmachenden System keinen Sinn ergebe: “Entonces, me di cuenta de una cosa fundamental: para ser médico revolucionario o para ser revolucionario, lo primero que hay tener es revolución. De nada sirve el esfuerzo aislado, es esfuerzo individual, la pureza de ideales, el afán de sacrificar toda una vida al más noble de los ideales, si ese esfuerzo se hace solo, solitario en algún rincón de América Latina, luchando contra los gobiernos adversos y las condiciones sociales que no permiten avanzar. Para hacer revolución se necesita esto que hay en Cuba: que todo un pueblo se movilice y que aprenda, con el uso de las armas y el ejercicio de la unidad combatiente, lo que vale un arma y lo que vale la unidad del pueblo.” (“Discurso a los estudiantes de medicina y trabajadores de la salud (Agosto 20, 1960).” In: María del Carmen Ariet García & David Deutschmann (eds.). Che Guevara presente. Una antología mínima (Melbourne: Ocean Press), 117sq.) Sehr gut dokumentiert ist beispielsweise auch die Radikalisierung von Camilo Torres, dessen Weg vom katholischen Priesteramt in die kolumbianische Guerilla-Organisation ELN führte (Camilo Torres, Revolutionary Priest: His Complete Writings and Messages (Harmondsworth: Penguin 1973))

[111] Eine solche Orientierung macht sich von der Vorstellung frei, die Philosophie könnte normative Vorgaben generieren. Eine solche ist in den meisten ethischen Reflexionen auf Soziale Arbeit üblich – seien sie nun neo-aristotelisch, kantianisch oder anderer Couleur. Vertrauen auf die in der Praxis verwurzelten moralischen Intuitionen würde den Fokus einer kritischen Beobachtung Sozialer Arbeit von der Normsetzung selbst auf die adäquate Darstellung und Analyse der Vorgänge und Verhältnisse umlenken, denn, wie Nigel Pleasants mit Bezug auf Wittgenstein schließt, „people do not need a philosophical theory to enable them to distinguish right from wrong – morality is not difficult in that way. Moral and political criticism does not require that people learn new ideas or facts, but that they (we) look at their (our) ‘actual relations’, and acknowledge what is ‘going on under our very eyes’. We don’t now (virtually) unanimously hold that slavery is wrong only because we have learned some new moral theory or have become appraised of new facts which were unavailable to those who in earlier times thought it a natural condition for some categories of person. The wrongness of slavery is seen directly, without the mediation of any theory or critical standard(s). The task of the social critic is not a theoretical one; rather, the desideratum is to change the way people see their relations with their fellow creatures and environment. And with that change of seeing comes change in acting.” (“Towards a Critical Use of Marx and Wittgenstein,” in: Gavin Kitching & Nigel Pleasants (Hrsg.): Marx and Wittgenstein: Knowledge, Morality and Politics (London: Routledge 2002), 175

[112] Als Ergebnis sind ineinander abschattierende Sphären der Gerechtigkeit vorstellbar, in denen für unterschiedliche Personengruppen in unterschiedlichen Feldern mit Bezug auf unterschiedliche Güter je eigene „Prinzipien“ zur Geltung kommen, die die moralischen Grammatiken von Alltagspraktiken wie dem Einkaufen, der Lohnarbeit, der nachbarschaftlichen Hilfe etc. etc. folgen – etwa nach der Vorgabe: “Every social good or set of goods constitutes, as it were, a distributive sphere within which only certain criteria and arrangements are appropriate.” (Michael Walzer, Spheres of Justice: A Defence of Pluralism and Equality (Oxford: Martin Robertson 1983), 10) Innerhalb der professionellen Zuständigkeiten werden auch diese Prinzipien nur äußerst begrenzt zu verwirklichen sein.

[113] So etwa bei Michaela Pfadenhauer, Professionalität. Eine wissenssoziologische Rekonstruktion institutionalisierter Kompetenzdarstellungskompetenz (Opladen: Leske + Budrich 2003)

[114] Erving Goffman: The Presentation of Self in Everyday Life, (Harmondsworth: Penguin 1971 [1959]), 41.

[115] Wie es Bryan S. Turner in Medical Power and Social Knowledge (London: SAGE 1986) versucht.

[116] “Shamanism, Psychosis and Autonomous Imagination,“ Culture, Medicine and Psychiatry 24, no.1 (2000), 5-40

13 Theses on a Para-Marxist salvage of the Base/Superstructure Theorem

The following theses constitute a working programme to reformulate the central theorem of historical materialism in a way that is committed to making the most of the heritage of Karl Marx and Marxist thinkers without a commitment to Marxism itself. It hence is “para-Marxist” in the sense Leszek Kolakowski once circumscribed the unorthodoxy of the Frankfurt School.

The aim of this exercise is to develop on scattered past attempts and generate a version that facilitates applications on fields as dispersed as the Social Professions, Career Guidance, and the role of religion in economic development. The next step will be to expand, in further posts, on each of the below thesis, which are to be further explained in the context of the relevant literature – and then finally to be integrated into a coherent paper.

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Anomie, Autonomy, and Equity:

Professionalism in Career Counselling between Neoliberal Selfhood and Social Justice

Presentation at the British Sociological Association’s Work, Employment and Society Conference 27th August 2021

The following considerations are driven by an interest as to why neither narrative deep approaches nor approaches from social justice to career counselling, though fashionable in academic discourse, seem to speak to professional practice “on the ground”. [At least when looking at the situation in Germany]

[…]

[Here] the government-driven expansion and intensified professionalisation of career counselling within the public employment system […] are motivated by a sense of coming crises and perceived challenges such as digitalisation, demographic change, and the ecological re-orientation of the economy.

I will therefore recourse to that classical conceptualisation of professionalism which sees crisis (individual and collective) as the core concern of professional action – that of Talcott Parsons.[1] However, in my reading this conception has (albeit counter-intentional) affinities to Marxist and Foucauldian approaches[2] (Monica Greco being among the few who picked up on those).[3]


Parsons’ approach is that professionals are, by function, agents of anomie control – which includes both “helping”, “supporting”, “reflexive” roles facing individuals and a system-integrative function in the social reproduction of labour power. [Normally, by performing the former, the latter is inevitably also fulfilled.] The aim is to establish or re-establish the distraught individual’s capability to act as autonomous subject. “Autonomy”, here, is not to be confused with the philosophical ideal of freedom but rather denotes the self-regulating and self-integrating subjectivity we are familiar with from governmentality studies. That is, professions fulfil precisely the function in the reproduction of labour power that Louis Althusser ascribed to his ideological state apparatuses as superstructure.[4] 

From this point of view, it is no surprise that career counselling as a professional pursuit emerged around the time Émile Durkheim coined the sociological concept of anomie and linked it to the division of labour as moral glue in organic solidarity. It was also when Georg Simmel highlighted how the complexity of modern society culminates in the concept of vocation or career. Vocation strikes Simmel as an apriori within capitalist society as an “external network of society” which is ‘transformed into a teleological interdependence, so soon as it is considered from the side of its individual bearers, its producers’, suggesting ‘harmony between the structure and the life-process of the society on the one side, and the individual make-up and impulses on the other. Upon this as general pre-condition rests at last the representation that for every personality a position and a function exist within society, to which the personality is “called,” and the imperative to search until it is found.’

It is immediately clear just how unlikely such a pre-stabilised harmony is and how likely the need for some form of intervention by professionals. Professionals who help the individual by providing information, clarifying preferences and biographical projections, identifying capabilities, and sorting out biographical projections. And this can only work when combined with a role in social reproduction of labour power – as defined by the Marxist tradition, and enriched by feminist theories, as for example by Barbara Laslett and Johanna Brenner.[5]

Reproduction here includes among other things all which in Parsons is referred to as the production of personality. This includes not just physical bodies but their affective, mental, intellectual, motivational constitution. And those need to be formed to facilitate “autonomous” career choice.

But the concern with autonomy, here, does not only focus on choice itself, but also the varying degrees of autonomy in the above sense within the workplace and outside it (degrees of discretion within, various amounts of money to spend beyond the work role) implied by that choice. Autonomy is rewarded, or only granted, if it is socially deemed to contribute to the larger system’s working. [And such estimates are not simply results of rational functionality but, of course, may reflect irrationalities even within the systems own terms]

The constellation has changed since Émile Durkheim and Talcott Parsons – but it has changed by way of exacerbation, acceleration, articulation. The complexity of the division of labour has increased, so have individual expectations towards work in its relevance for a (positive) identity – (and so has the potential of disappointment and failure). On the other hand, the utilisation of subjectivity as an economic resource within employment relations, requirements of identification, especially in emotional, affective and creative labour, are also on the up – as are demands for faster paced adaptation and development.[6]

So the call for more and better career counselling in times of (perceived and anticipated) crises, does not come as a surprise; and neither does the gentle systemic pressure to make individual use of it. As in the Parsonsian sick role, the offer of professional help both assumes and morally presumes a motivation to self-integrate into established “social reciprocities” (in our case that of the labour market).

The double-freedom of the worker, which is the condition of even the middle-classes nowadays, provides a hefty material incentive. On the back of this, career counselling fulfils its systemic task of channelling motivated labour power into work roles (or into development programmes preparing for these).

As the aim of autonomy (in the defined sense) cannot be achieved by the market (too random) or administration or bureaucracy (too prescriptive), the third logic of professionalism (Eliot Freidson’s term)[7] and governmentality merge in a practice that involves not only “matching”, “weighing up”, and “interrogating” – but also “nudging” or even “breaking-in” through negotiation, risk-construction and persuasion.

This double sidedness with a drift towards greater emphasis towards manufacturing neoliberal subjectivity has been thematic in the dominant theories of career guidance.

1909, Simmel’s and Durkheim’s contemporary Frank Parsons (no relation to Talcott) introduced the field, justifying it both by the individual and the societal benefits of finding the perfect match [between personal inclinations and aptitudes and labour market demand]. For the individual ‘an occupation in harmony’ with their ‘nature’ ‘means enthusiasm, love of work, and high economic values, – superior product, efficient service, and good pay.’ And failure to achieve this on an individual level will incur economic cost in employment expense, waste of training, and low-grade service’

Today’s dominant voice of career counselling is John L. Savickas. He has synthesised previous approaches that emphasised „matching“ with an aspiration to empower individuals to gain authorship over their biographies, in an effort of self-making through story-telling.

And, sensing that this is where recognition comes from, the central story of one’s life is one’s career.

‘A subjective career emerges from thought or mental activity that constructs a story about one’s working life. It is this subjective career story that steers and carries individuals across job changes and occupational transitions.’

The “pre-stabilised” harmony is seemingly re-established by attuning deep personality layers (or convincing the counselee that one is doing so) to the vagaries of the contemporary labour market

(with explicit reference to precarious jobs which are to be integrated, retro- and prospectively, into that story.)

Acceptance of and adaptation to the inevitable, however, remains a precondition for the project of autonomous subjectivity which is career authorship.

And although adaptation is stated to refer to changing the self or circumstances: in the end it is really only the “self” that is to be adjusted. Encountering traumatic experiences of discrimination and disadvantage on the grounds of gender, race and social class, the career author’s response is to understand them as “devitalising stories” which they are telling about themselves, and which need to be deconstructed and retold in a vitalising way.

Just how deeply neoliberal this whole approach is transpires in the way Larry Cochran frames the stated economic success of Korean businesses in Atlanta (in a textbook celebrated by Savickas)

So here we are with an unabashedly neoliberal notion of a religiously rational economic subject, free to generate wealth by sacrifice, rewarded by a pride in self-authorship as success story.[8]

While career construction and life-design approaches seemingly constitute progress in that they allow for a more active and role of the individual in their own career planning redefined in emancipatory terms, in “ordinary” career counsellors’ daily work, expectations are slightly lower: not solving one’s innermost personal conflict to find self-fulfilment, but finding a place within the occupational structure that provides a reasonably decent income while finding a good or at least tolerable/sustainable fit with one’s preferences and abilities. But, in terms of societal expectations life-design has articulated a vanishing point. A utopia of self-realisation in the market, whose remoteness for the professional drives home the limitations of what is to be achieved in the professional role. By mere contrast – and particularly in situations of crises – the unequally distributed opportunities of “career authorship” (i.e. autonomy in career choice) are thrown into even sharper relief. At one point Savickas admits that there are people who ‘must take the only employment available to them’ so that they ‘must continue to use leisure pursuits to construct and substantiate a self’.[9]

It is here that a newer trend within career counselling literature comes in: career counselling for social justice. This relates to a professional sentiment. Social reproduction as the production of autonomous market subjects is pursued not in terms of market motives of individual profit maximisation but commitment to a professional ethos (at least within the available vocabulary of motive). Individualistic career counselling following the lines of career construction and life design may accept the neo-liberal framework as quasi-natural environment, but the aim is not to increase the income of the career counsellor but to optimise the lives of the clients. Career counsellors working for public employment systems or not-for-profit organisations will have a strong commitment to the idea that their efforts to harmonise the interests of the client and the requirements of the labour market is in the best interest of the client. In some cases, as e.g. in Germany, this is enshrined in law.

Frustration is likely if the very system they are reproductively working for is seen thwarting their efforts. While committed to good counselling for all clients and not overly concerned by some ending up as academics and other as electricians, practitioners are normally more concerned about ensuring that socially disadvantaged youngsters “don’t get lost”, make the best of the opportunities that are there (including keeping tabs on their progress, ensuring that there is not only a plan B but also a plan C in place etc.). This was particularly noticeable during the pandemic when the routines of going into schools, educating about educational and training opportunities, convincing young people to make use of them, were suddenly disrupted. The idea of “career counselling for social justice” may, therefore, find fertile ground.

However, just as the life-designing dreams find their limits in the professional task to reconcile aspirations and opportunities, I would suggest that career counselling for social justice finds its limits in the individualistic nature of the professional relation itself [which is very difficult to transcend not just out of professional habit, but often also the organisational and institutional frameworks – not to speak about available funding for supporting remedial support for disadvantaged clients.] Like career construction, however, this trend speaks to the core of the professional project, since unequal opportunities and exclusion do not just mean that many will be left in less well-paid jobs, but that the aim of autonomy (in career choice and in the subsequent career itself) cannot be achieved.

So what is suggested?

Themed under Bob Marley’s “Emancipate Yourselves from Mental Slavery”, Tristram Hooley[10] suggests a programme that in many ways follows Paolo Freire’s ideas about conscientisation – i.e. to help young people understand their position in society, how it came about and what is holding them back. The immediately practical aspect is to prepare them for what is coming at them (e.g. how to survive unemployment), the long term hope seems to be to politicise young people so they will in some way be able to bring about social change. [Much of the writing on career guidance for social justice shows a sense of relative powerlessness of the individual career guide, how well-intentioned s/he may be – and therefore emphasises the search for political solutions]

This resonates with rejections of gradual “social improvement” which are just easing the pain to stave off necessary but more radical change. Malcolm X distilled such sentiment in his comments on his racist careers advisor:

It was only through Mr Ostrowsky misrecognising his career potential that he did not embark on a well-paid but still subservient career as a lawyer or doctor, but was able to apply himself fully and effectively to Black Liberation.

But it is one thing to conscientize, another not to aim for, as is one’s professional duty, providing the individually best advice and support. There is a whiff of cynicism about privileged socially aware educators sending disadvantaged kids into activism instead of gainful employment – but that is, given the absence of levers to change social conditions, the implication.

[Taken without political activism to go along with it, implications of professional activity can even turn problematic] Consider Suzanne Rice’s attempt to shift the emphasis from recognition through paid employment to one from community by ‘building broader, more inclusive and more fluid conceptions of “work”, “career” and “job” into career guidance’ suggesting alternative reciprocities like ‘local volunteering opportunities, local community groups, and other opportunities to both give and receive’ hoping that those, too, ‘feed into a robust sense of self, and contribute to the community and stronger social relations, regardless of whether there is pay attached.’

[Taken in isolation, such advice may indeed lead to a more conscious, politically aware and socially prepared attitude, but as long as the link between “gainful employment” and social recognition is not broken on a societal level,] I would argue that this may be well meant, but has a good potential to leave clients short-changed. Only very few can become Malcolm X – and it is not for the career counsellor (especially if they are from a white middle-class background) to act as, in effect, a educating white saviour asking disadvantaged youngsters for political sacrifice.

In the end, such a discourse is, again, quite close to that of self-reliance and sacrifice we heard from Cochran on self-exploitation plots in Atlanta. [The difference is the acute awareness that this is not a situation that should be tolerated, that something needs to be done not just on the individual but on the societal level. But being posed from a professional perspective rather than from a political one, the Leninist question “What Is to Be Done” must remain unanswered][11]

What remains is the sound and necessary call that career counsellors pay attention to inequality of opportunity and intersectional discrimination. This requires reflexivity in practice and attentiveness (as Anki Bengtsson recently suggested)[12], to different practices and challenges of clients’ lives. And it needs representation (as obviously attentive counselling is least facile for someone who has had a relatively easy ride). It also needs the acceptance that even with the best efforts (and even if backed by well-funded labour market intervention programmes), “social justice” for the professional remains a vanishing point just as does “self-realisation”.

The energy of professional self-education and reform should be channelled here as to prevent that other possible reaction to meeting the limits of one’s possibilities: dealing with cognitive dissonance by rationalisation. Being clued up in the literature on career guidance for social justice may serve as an antidote here – maybe its most practically valuable function.

Beyond that, professionally despairing counsellors can only act beyond and outside their professional role (although still informed by it), through political activism to transform career development, as Tonette Rocco demands, from an individual to a social concern. Only when it is made a social concern, i.e. when there is an understanding that “a society is weakened when its citizenry is not educated and developed to their full potential” will career guidance for social justice find the effective means to achieve what’s on its label. How far this is possible within a capitalist framework, of course, is a different question.


[1] The paradigmatic articulation of his concept is articulated with the medical profession in mind as laid out in chapter 10 of The Social System (Glencoe, Ill.: Free Press). This location as example chapter to illustrate his structural-functional tenets also links the medical profession in with the capitalist economy in a way that marks it out as an agency of reproduction. Health, whose restauration is the shared aim of patient and doctor is of systemic interest as it can be argued from this linkage to be abstract labour power.

[2] Matthias Z Varul, ‘Talcott Parsons, the Sick Role and Chronic Illness’, Body and Society, Vol.16 (2010), no.2, pp..72-94.)

[3] ‘Psychosomatic Subjects and the “Duty to Be Well”’, Economy & Society, Vol.22 (1993), no.3, pp.357-72.

[4] ‘Tous les appareils idéologiques d’Etat, qu’ils soient, concourent tous au même résultat : la reproduction des rapports de production c’est-à-dire des rapports d’exploitation capitalistes.’ (Louis Althusser, ‘Idéologie et appareils idéologiques d’État (Notes pour une recherche)’, in : Positions, Paris : Editions sociales 1976, pp.67-125, p.93). In the reproductive functions of professions we have another Wahlverwandtschaft between the liberal-capitalist sociologist Parsons and the party-communist philosopher Althusser which highlights a more dynamic side in both than the well known shared commitment to structure over agency. Both tacitly recognise the inevitable instability of structural self-reproduction in the dynamic process that is capitalism by inserting agencies of maintenance and repair. (For their shared commitment to rigidity see Nancy DiTomaso, ‘“Sociological Reductionism” From Parsons to Althusser: Linking Action and Structure in Social Theory’, American Sociological Review, Vol.47 (1982), no.1, pp.14-28)

[5] ‘Gender and Social Reproduction: Historical Perspectives’ in: Annual Review of Sociology, Vol. 15 (1989), pp.381-404

[6] Already Talcott Parsons saw, behind the drive to alleviate the anomie that is illness as an expression of a ‘compulsory independence’. (Essays in Sociologocial Theory, Glencoe, Ill.: Free Press, p.345). This compulsion to autonomy has been subsequently extended in the workplace in which it becomes less of a marker of freedom but, like AI, a mode of functioning :  

‘Le salarié et le chômeur sont soumis à des contraintes d’autonomie qui font appel à leur subjectivité, le premier pour satisfaire aux nouvelles exigences de flexibilité, le second pour se réinsérer dans le monde du travail. Appel à la subjectivité cela signifie une manière d’agir dans le travail comme dans le chômage consistant à s’affirmer, à faire preuve de ces compétences que l’on appelle relationnelles, sociales, psychologiques ou personnelles, les quatre adjectifs désignant l’idée que l’individu est tenu de montrer de la personnalité. Cette « personnalité » est techniquement exigée jusque dans les emplois à faible qualification et dans les contextes les plus contraints par la pauvreté. Avec la souffrance sociale, nous abordons donc l’autonomie non plus sous l’angle de la liberté de choix, mais sous celui de l’action et de la compétition.’ (Alain Ehrenberg, La Société du malaise, Paris : Odile  Jacob 2010, p.258)

Sociological studies (and social critiques) on these developments abound. Hochschild’s now classical study… utilisation of subjectivity, affect, etc. thematic in workerist    expropriation Virno,    The nexus between responsibilisation for individual employability and the ability to   Carolyn Veldstra makes the important point that as circulating, commodified affect is firmly based on emotional labour, the embodied identity is constantly put under pressure in an economy of affects., (‘Bad Feeling at Work: Emotional Labour, Precarity, and the Affective Economy’, in: Cultural Studies, Vol.34 (2020), no.1, pp.1-24).

[7] Professionalism, the Third Logic: On the Practice of Knowledge, Chicago: University of Chicago Press 2001

[8] The case studies of another prominent proponent of Savickasian career construction, Kobe Maree can be read as accounts of quasi-religious awakenings induced by the structured process of the career construction interview, sometimes even assessed in the client’s evaluation in explicitly religious terms (see e.g. ‘Career Construction Counselling with a Mid-career Black Man’, in: Career Development Quarterly, Vol.64, no.1, pp.20-34, in which religio-therapeutic and white-saviour motifs coincide). Another example for the individualistic approach to a structural problem within this school of thought is the textbook account of career counselling in multicultural contexts by Robert C. Chope and Andrés J. Consoli. Urging career counsellors to seek a full understanding of all aspects of non-majoritarian clients, the purpose, again, this mainly to help them to individually re-author their careers to move out of the marginalised situation by sorting out conflicting and inhibiting narratives without addressing discrimination and disadvantage. (‘A Storied Approach to Multicultural Career Counselling’, in: Kobus Maree (ed.) Shaping the Story: A Guide to Facilitating Narrative Career Counselling, Rotterdam: Sense Publishers 2011, pp.87-100)

[9] ‘Career Construction Theory and Practice’, in Steven D. Brown and Robert W. Lent (eds), Career Development and Counseling: Putting Theory and Research to Work, Hoboken, NJ 2013, pp.145. This resignation is symptomatic for an approach that treats the realities of “the market” as an unavailable given quasi-natural environment and therefore, programmatically, pursues adaptation, supporting ‘adaptive responses to development tasks, vocational traumas, and occupational transitions.’ The aim is ‘to increase career adaptability’ Mark L. Savickas, Laura Nota, Jerome Rossier, Jean-Pierre Dauwalder, Maria Eduarda Duarte, Jean Guichard, Salvatore Soresi, Raoul Van Esbroeck, and Annelies E. M. van Vianen, ‘Life Designing: A Paradigm for Career Construction in the 21st Century’, Journal of Vocational Behavior, Vol.75 (2009), no.3 pp.239-250, p.245). Also, the notion of adaptation applied is simplistic, i.e. does not acknowledge that nearly all adaptation involves not just changing oneself to fit the environment but also manipulating the environment to fit one’s own needs.

[10] ‘Emancipate Yourselves from Mental Slavery: Self-actualisation, Social Justice and the Politics of Career Education’, Derby: International Centre for Guidance Studies 2015

[11] As Lars T. Lih points out, the much-cited Leninist “professional revolutionary” results from a mistranslation of a faux ami, and should be rendered as “revolutionary by trade” instead (Lenin Rediscovered: What Is To Be Done? In Context, Leiden: Brill 2005, p.36). Lenin’s (and the Bolshevist leadership’s) de facto quasi-professional approach to emancipatory politics as task for educators is worth examining under this aspect as background to Paolo Freire’s attempts to avoid the dilemma of the revolutionary educator assuming a leadership role (Pedagogy of the Oppressed, London: Penguin 2017 [1970]) – a tendency inherent to the Leninist and New Left tradition he keeps referring back to (see Norman Geras: Literature of Revolution, London: Verso 1986 – targeting Louis Althusser and Herbert Marcuse in particular).

[12] ‘Rethinking Social Justice: Equality and Emancipation – An Invitation to Attentive Career Guidance’, in Trstram Hooley, Ronald G. Sultana & Rie Thomsen (eds), Career Guidance for Social Justice: Contesting Neoliberalism, London: Routledge, pp.255-267.

Out now: ‘The Accursed Second Part: Small-Scale Discourses of Gender and Race in The LEGO Movie 2’

Varul M.Z. (2019) The Accursed Second Part: Small-Scale Discourses of Gender and Race in The LEGO Movie 2. In: Hains R., Mazzarella S. (eds) Cultural Studies of LEGO. Palgrave Macmillan, Cham – online here

Abstract:

The LEGO Movie 2: The Second Part seems to provide a scathing critique of toxic masculinity, but it manages to reaffirm a less openly malevolent version of the patriarchy in a firework of humorous and educated intertextuality. In this chapter, author Matthias Zick Varul argues that the film’s openly conducted gender discourse, which plays out mainly between Emmet and Lucy, the two protagonists from The LEGO Movie, is interwoven with a covert discourse on race that the film introduces through a space invasion plot that affords Emmet the role of a “white savior.” Both lines of discourses connect to an ontology of capitalism as envisaged in the first movie, negotiating the mirror fears of total order and total chaos by gendering and racializing and thereby externalizing the fear of excess, the accursed share (Bataille’s part maudite).’

 

The accursed Second Part: initial thoughts on the ontologies of gender and race in Lego Movie 2

Both The Lego Movie and Lego Movie 2 are consumer-cultural myths working on Liberal fears around the twin threat of total order and total chaos against which the middle classes from the outset have defined themselves as at once rational and creative, as enlightened and romantic antidote, relating those principles (as myths typically do) to gender categories and to categorisations of collective Self and Other. One reason why this fear will not go away that the economic system that sustains these emphatically “middle” classes moves dialectical between ossification and decay (and within the middle classes themselves we find, in regular waves, counter-movements to both, which alternatingly or sometimes simultaneously celebrate absolute order and total destruction – most clearly in fascism)

While the first movie dealt with the fear of absolute order, the second one focuses on the fear of chaos. The struggle for a middle position remains a central concern when in the real world the “cool” capitalism of the creatives, the networkers, hipsters, geeks and freaks has under threat from a new authoritarian alliance between old industries (oil, steel, property magnates) and (so the Liberal imagination) the “White working class”[1], both envisioned as hyper-masculinities putting pressure on the dominance of a more civilised mode of masculinity. Read the full post »

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