Platon, Lego und der Prosumkapitalismus

DSC03019Varul, Matthias Zick (2015): ‘Kreative Zerstörung als Rückkehr genialer Gewöhnlichkeit LEGO, die Kulturtragödie der Exzellenz und die Expropriation des Brickolariats’ (Beitrag zur Plenum 9 »Die Krisen des Mittelmaßes« – organisiert von Anne Waldschmidt und Hans-Georg Soeffner) in: Stephan Lessenich (Hg.): Routinen der Krise – Krise der Routinen. Verhandlungen des 37. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Trier 2014.

Die Krise des Mittelmaßes – der call for papers nimmt indirekt auf Aristoteles Bezug, auf sein Ideal der Mäßigung (σωφροσύνη), nach dem tugendhaftes Verhalten immer in der Mitte (μεσότης) zwischen zwei Extremen liege. Und Aristoteles, mit seiner Vorstellung des guten Lebens, des Strebens nach Glück statt Gewinn, sinnvoll-tätiger Muße statt sinnlos-geschäftiger Arbeit, scheint tatsächlich wieder aktuell angesichts eines ständig überhitzten, sich krisenhaft zuspitzenden Kapitalismus – ein Kapitalismus, in dem die Hybris des leistungssteigernden Perfektionsstrebens einerseits zu ausufernder Arbeitslast führt und anderseits zu weitgehender Sinnentleerung angesichts der Lächerlichkeit des Exzellenzkults. Der Rückfall auf das Ideal behäbig-bürgerlicher Mäßigung ist daher durchaus verständlich. Aber es gibt noch einen anderen klassischen Begriff der Mitte – und der hat erstaunlich wenig mit Ruhe und Gelassenheit zu tun, ist aber, das ist meine These hier, für das bürgerliche Selbstverständnis wie für die Dynamik kapitalistischer Entwicklung um einiges relevanter. Für Platon war die Mitte eine prekäre Position. Das Abgleiten nach ganz unten, ins totale Chaos, ist nur durch beständiges Streben nach ganz oben aufzuhalten. In einer Welt, die nach Heraklit nicht nur in Flammen steht, sondern geradezu aus Flammen besteht (Popper 1998: 15ff.), geht es nicht darum, sich vorsichtig zu bewegen, um das Bestehende nicht zu zerstören: Was immer an Form da ist, muss beständig reproduziert, erneut hergestellt werden, damit es Bestand hat.

weiterlesen

substantiell erweiterte englische Version

Advertisements

The Lego Movie as Consumer-Capitalist Myth: The Cultural Tragedy of Production and the Expropriation of the Brickolariat

[a revised version of this paper has been published in the European Journal of Cultural Studies ]

PDF

DSC03019Current Capitalism is in crisis. This is well known. Capitalism always is in crisis. From early on capitalism was experienced as unsettling, unbalancing and unstable. Gone was the cherished Aristotelian feudal/aristocratic ideal of moderation (σωφροσύνη) which locates virtuous behaviour in the considered middle (μεσότης) of two vices or excesses. It was replaced by an ever accelerating Faustian drive towards innovation, and self-transformation.[1] The ageing Johann Wolfgang von Goethe expressed this sense of loss of the, as he felt, healthy aristocratic middle as one of moderation and balance in favour of a bourgeois middle that constantly has to keep surpassing and transcending itself only to remain mediocre while becoming both more extreme and more common.[2]

The Myth of the Producer

This corresponds to another ancient concept of the middle – that of Aristotle’s teacher Plato. Plato’s concept had very little to do with moderation, but it does anticipate the strained situation of the middle classes in the capitalist logic of development about two and a half millennia later.

(more…)