Hat da jemand „Kultur“ gesagt?

Früher mal hatte “Kultur” eine klare Bedeutung: Alles was so an Schönem für Auge und Ohr produziert wird: Musik, Kunst, Theater, Poesie etc. Zunächst war der Begriff für bessere, „kultivierte“ Leute reserviert, aber es wurde bald anerkannt, daß die breite Masse auch kulturell aktiv ist: “Volkskultur”, “Populärkultur” etc.

Irgendwann im 20. Jahrhundert hat sich dann aber auch ein akademischer Kulturbegriff eingebürgert. Und der umfaßt so ziemlich alle unsere Alltagsroutinen, Interaktionsformen, Einkaufsgewohnheiten, Eßverhalten, Vorlieben und Abneigungen soweit sie nur irgendwie „gesellschaftlich geprägt sind“. Dieser Begriff ist in die Umgangssprache eingegangen und alle möglichen Verhaltensweisen Angehöriger von Minderheiten werden nun deren „kulturellen Hintergrund“ zugeschrieben. Eigentlich sollte ich mich als Soziologe ja freuen über diese Versozialwissenschaftlichung unserer Alltagssprache. Tu ich aber nicht. Und zwar deshalb:

Der sozialwissenschaftliche Kulturbegriff ist ziemlich komplex. Kultur „hat“ man nicht, man „tut“ sie. Kultur wird in der Interaktion mit anderen beständig reproduziert und verändert. Kultur ist nur in den allerseltensten Fällen statisch und homogen. „Kulturen“ (selbst schon eine problematische Verdinglichung) überschneiden und beeinflussen sich, untergliedern sich, vermischen sich, zerfallen, rekonstitutieren sich… und so weiter und so fort. Ein „kultureller Hintergrund“ – also die Lebenserfahrung mit häufigen oder für selbstverständlich gehaltenen, aber auch volatilen, flexiblen Verhaltens- und Ausdrucksweisen des Umfelds, in dem man aufgewachsen oder in das man hineingewachsen ist, „prägen“ einen auch nicht. „Prägung“ ist ein deterministischer Begriff aus der Ethologie, der Verhaltensbiologie (Sie wissen schon – Konrad Lorenz, seine Gänse, seine Nazis). Menschen werden nicht von ihren Erfahrungen „geprägt“ im Sinne von “determiniert”, sondern sie verhalten sich zu ihren Erfahrungen. Wenn Sie den „kulturellen Hintergrund“ (im vollen Sinne und im Detail – nicht einfach Religion plus Herkunftsland) eines Menschen kennen, kennen Sie diesen Menschen noch lange nicht. Sie wissen nur woraus, woran entlang und wogegen er sich zu einer eigenständigen Person entwickelt hat. Auch wenn jene, die immerzu von „Kultur“ und ihrer Pflege reden (Zum Beispiel…) das nicht so haben wollen.

Hätten Sie’s gern einfacher? Dann sollten Sie nicht von „kulturellem Hintergrund“ sprechen, denn das unterstellt eine Aufgeklärtheit, die Sie offensichtlich ablehnen. Wenn Sie sagen „Das liegt am kulturellen Hintergrund“, dann sagen Sie de facto: „Die sind halt so“. Wenn Sie das nicht so meinen, dann lassen Sie den „kulturellen Hintergrund“ und suchen nach konkreteren Erklärungen. Wenn doch, so sagen Sie doch einfach frei heraus: „Die sind halt so!“ Damit man gleich weiß, wie Sie so sind.

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