Die Dornen der Weißen Rose: eine ganz andere Alternative für Deutschland als die der AfD

Vor wenigen Tagen warb die Berliner AfD (“Alternative für Deutschland”) mit dem einem Foto Hans und Sophie Scholl und Christoph Probst für eine ihrer Demonstrationen.

AfD Berlin Screenshot

Wie der Sender RBB berichtet, löste dies (wie wahrscheinlich beabsichtigt) Empörung aus, die sich vor allem über soziale Netzwerke artikulierte. Dass sich, als „verfolgende Unschuld“ (Karl Kraus), rechte Menschenfeinde als Widerstandskämpfer gegen ein repressives System darstellen, ist nichts Neues. Und erst vor Kurzem hat Pegida-Chef Lutz Bachmann eins draufgesetzt indem er Bundesjustizminister Maas mit Nazipropagandaminister Goebbels verglich.

Die implizierte Unterstellung, Rechte würden in der Bundesrepublik verfolgt wie Widerständler unterm Nationalsozialismus ist natürlich lächerlicher Unsinn, vor allem angesichts der Tatsache, dass AfD Politiker/innen sich regelmäßig im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verbreiten können und auch Pegida weder in ihrer Meinungs- noch in iher Versammlungsfreiheit nennenswert eingeschränkt werden. Insofern ist das nur freche Dummheit.

Aber es ist und bleibt auch eine ungeheure Beleidigung des Muts, den die Mitglieder der Weißen Rose angesichts eines mörderischen Systems bewiesen haben. Den selbstlosen, von Gewissen und Freiheitsliebe getriebenen Einsatz mit dem Aufmerksamkeit heischenden, interessengetriebenen und menschenfeindlichem Aktivismus von AfD, Pegida und Konsorten zu vergleichen, ist nicht nur anmaßend sondern schlichtweg obszön.

Darüber hinaus muss aber auch daran erinnert werden, wofür die Weiße Rose inhaltlich stand. Sie war nämlich nicht, wie die Gruppe des 20. Juli um von Stauffenberg, ein Sammelbecken von ein paar Demokraten und vor allem von antidemokratischen Rechtsnationalisten (in das der eine oder andere AfD Politiker vielleicht noch gepasst hätte). Die Student/innen der Weißen Rose hatten eine klare Vorstellung davon, wie ein Europa nach Hitler aussehen sollte, und diese ist so ziemlich das Gegenteil all dessen, wofür die AfD steht. Die Gruppe um die Geschwister Scholl wollte ein föderalistisches und großzügiges Europa und einen demokratischen Sozialismus –eine dem Nationalkonservatismus und Wirtschaftsliberalismus der AfD diametral entgegengesetzte Haltung. Das fünfte Flugblatt, das die Aktivist/inn/en der Weißen Rose unter Lebensgefahr verbreiteten stellt klar:

Capture Flugblatt #5

Der Ton der insgesamt sechs Flugblätter schwankt zwischen Pathos und Verzweiflung – die Gruppe appeliert and den Kultursinn ebenso wie an den Überlebenswillen der Deutschen – und Vieles klingt naiv. Aber man muss sich klar darüber sein, unter welchen Bedingungen die Weiße Rose ihre Texte abfasste. Als Kinder aus behüteten evangelischen und katholischen Mittelstandsfamilien waren sie nicht, wie die proletarischen Großstadtjugendlichen, die militante Widerstansgruppen wie die Kölner Edelweißpiraten formten, unmittelbar mit der Brutalität des Regimes konfrontiert. Noch keine Teenager als die Nazis an die Macht kamen, waren sie auch von der Tradition antifaschistisch demokratischen Denkens in der Weimarer Republik abgeschnitten. Ihre politische Analyse bleibt deswegen verständlicherweise etwa hinter derjenigen der linkssozialdemokratischen Gruppen Neu Beginnen oder der Revolutionäre Sozialisten Deutschlands zurück. Umso bemerkenswerter ist es jedoch, dass sie, zurückgeworfen auf die Quellen des deutschen Idealismus und der Weimarer Klassik zu einem klarsichtigen politischen Programm kommen konnten. (Im ersten Flugblatt zitieren sie ausgiebig Schiller und Goethe).

Die Mandarine deutschen Geisteslebens, Gestalten wie Martin Heidegger, Carl Schmitt und Arnold Gehlen, unterdessen, blieben vor, während und nach dem Dritten Reich umnebelt vom Traum eines homogenen und irgendwie authentischen Deutschland. Trotz neurechter Rhetorik und deutlichen stilistischen Anleihen im Auftreten, besonders bei Thüringens AfD Fraktionsvorsitzenden Höcke – selbst der ist kein Nazi. Nichtsdestotrotz ist die Anlehnung an die intellektuellen Wegbereiter des Faschismus, die Konservative Revolution, nicht zu übersehen, wie Toralf Staud in der Zeit feststellt – und genau die werden durch die Menschlichkeit und Weitsicht der Weißen Rose beschämt.

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